Begräbnis von Christa Wolf

Veröffentlicht von Dietrich Garstka am 20. Dezember 2011 in Berichte aus dem Verband

Es ist Dienstag, der 13. Dezember 2011. Wir fahren mit dem Auto nach Berlin, zu Christa Wolfs Begräbnis auf dem berühmten Dorotheenstädtischen Friedhof. Ingeburg, FDA-Mitglied in Brandenburg und ich, FDA-Mitglied in NRW. Die Beerdigung war für 11 Uhr angesagt, nicht einmal öffentlich. Ingeburg erfuhr es von einer Freundin. Wegen der Beerdigung könne man mit einer Sperrung der Chausseestraße rechnen. Also sind wir um 10 Uhr vor dem Friedhof. Dort aber keine Sperrung, kein Stau, kein Auflauf. Der Berliner Alltag geht und rollt durch die Chausseestraße wie selbstverständlich am Friedhof vorbei.

Wir gehen auf den Friedhof, den langen Weg an der linken Mauer entlang, bis zur Friedhofskapelle. Keine zehn Menschen. In der Mitte des Vorplatzes spricht Christoph Hein, weißes Haar und langer schwarzer Mantel, mit Ulla Berkewicz von Suhrkamp. Wir gehen an ihnen vorbei auf die vier Eingangstufen der Kapelle. Noch eine Stunde, früh genug, um in der Kapelle einen Platz zu erhalten. Wir stehen auf der Plattform vor dem Tor. Neben uns Uwe Timm. »Hier ist es eng.« Er beugt sich nach vorne: »Mein Name ist Timm.« Eine Dame hinter der Tür schaut in eine Liste, er ist durch. Hinter uns, eine Stufe tiefer, Friedrich Schorlemmer, mit schwarzer Stoffmütze. Er geht einfach durch. Man kennt ihn. Hier geht die Nomenklatura hinein. Wir stehen auf keiner Liste und entfernen uns.

Jetzt noch eine Stunde warten. »Komm, wir schauen uns ihr Grab an, noch ist es offen.« Die offene Grube, Stahlplatten bedecken den sandigen Boden. Vor dem Grab, rechts und links, Plastikschüsseln mit Sand gefüllt, in Armhöhe, auf metallischem Gestänge. So wird es enden, auch für sie, Sand, nichts als Sand. Wir schauen auf ihre Nachbarn. Links neben ihr Alfred Bronnen, schräg hinter ihr Stefan Hermlin. Links von Bronnen Thomas Brasch und Hans Mayer. Etwas entfernt Bert Brecht und Helene Weigel, Heinrich Mann, Johannes R. Becher, Anna Seghers. Nur wenige Schritte nach rechts, auf verstecktem Weg, Johann Gottlieb Fichte und Georg Wilhelm Friedrich Hegel.

Wir stellen uns in die Kurve, durch die der Trauerzug kommen muss. Wir frieren. Ingeburg spannt ihren kleinen Schirm auf. Es regnet. Die nassen Wolken hängen tief. Der Himmel nur graue Fläche, wie ein Deckel, der jeden Blick nach oben zugesperrt hat. Der Platz vor der Halle füllt sich. Aufgespannte dunkle Schirme schließen einen Kreis. Die Schirmträger schauen auf die Halle, aus der Christa Wolf irgendwann herausgetragen werden muss. Auf dem Giebel der Halle hoch über ihren Schirmen die Inschrift: »Herr Gott, du bist unsere Zuflucht«. In Kitt über lehmigem Anstrich. Und darüber ein kleines Kreuz. Auch in Kitt.

Wir hören Antworten von denen, die mit uns stehen, auf Fragen von Reportern. »Wir bewundern die starken Frauenfiguren.« »Wir bewundern, wie schwer Christa Wolf es sich immer gemacht hat.« »Christa Wolf war authentisch, nachdenklich, warm und mütterlich.« »Ihre Sorgfalt des Erinnerns, ihre fast quälende Wahrhaftigkeit, das ist es, warum wir heute hier sind.« »Sie war so integer.« »Sie hat immer ganz genau hingeguckt. Das war unheimlich wichtig für uns.« Gesine Lötzsch, Vorsitzende der Linken, äußerte sich: »Ich bin heute privat hier. Ich habe Germanistik studiert. Der geteilte Himmel ist mir das liebste Buch. Das bleibt.«

»Und wer war sie für dich, Ingeburg? Du hast in ihrem Land gelebt.« »Sie war mir schwesterlich nahe. Sie war mir nahe in ihrer Art, mit dem Leben fertig zu werden. Allem, was uns bedrückte, hat sie eine Stimme gegeben. In einem kurzen Briefwechsel haben wir uns aufeinander bezogen. Ich habe ihre Handschrift gesehen. Sie hat mir in eigener Handschrift geschrieben. Als Antiquarin in der Nähe von diesem Friedhof habe ich engagiert ihre Bücher unter die Leute gebracht, oft unter dem Ladentisch. Mein Gang zu ihrem Begräbnis ist eine Freundschaftsbekundung. Ich würde auch ohne Schirm hier stehen.“

Es regnet stärker. Dreihundert Trauernde stehen schließlich dicht beieinander. Keine dreitausend oder gar sechstausend, wie ihr Verlag erwartet hat. Eine Weltliteratin wird zu Grabe getragen? Der Friedhof liegt mitten im ehemaligen Ost-Berlin. Ein Leichtes, hier herzukommen. Das nasse Wetter? Wo bleiben die vielen Leser, Bewunderer, wo auch die idealistischen Retter einer selbstständigen DDR, die sich am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz versammelt und Christa Wolf begeistert zugejubelt haben?

*

Es ist 11 Uhr. Aus der Halle, plötzlich, der Klageschrei aus einer Oboe. Übertragen nach draußen auf den Friedhof durch zwei schwarze Lautsprecher vor den Stufen. Verweigerung, Zerstörung einer Melodie. Ton auf Ton. Unheimlich, fremd. Archaische wilde Verzweiflung. Die Seele tönt im Totentanz. Herr Gott, du bist unsere Zuflucht?

Stille der Erschrockenen. Corinna Harfouch liest das Gedicht »An sich« von Paul Fleming. »Nimm dein Verhängnis an, lass alles unbereut. Tu, was getan muss sein, und eh man dirs gebeut. Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.« Ihre Stimme der kühlen gefassten Sachlichkeit zerdrückt die Hoffnung. Verse so schwer wie Stein, scharf wie geschliffene Kanten, nüchtern wie die Nachricht ohne Alternative.

Die Trauer findet zur Melodie. Bariton Matthias Goerne singt aus Schuberts Winterreise. »Nun ist die Welt so trübe«. Und später noch einmal »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus«. Botschaft ohne Trost.

Volker Braun, zehn Jahre jünger als Christa Wolf, redet. Er erzählt, wärmt, verbindet. »In ihrer Nähe war alles weit.« Aber »sie war oft krank und erschöpft. An ihr rieben sich die Debatten, in ihr Fleisch schnitten sie ein.« Schon in den neunziger Jahren habe sie eine Ahnung von ihrem Tod gehabt. »Mein Körper entfernt sich von mir.« »Sie starb ruhig und ohne Schmerzen. Die große Familie war um sie versammelt. Sie hatte noch einmal die Augen geöffnet, ihre Züge waren entspannt. Sie war schön.«

Braun fragt und deutet, ordnet ein, historisch, soziologisch, psychologisch: »Wer sie ist, das wollte sie immer wissen. Das Kaufmannskind von der Warthe, die sesshafte Autorin an der Spree. Sie musste danach fragen in der Zeit des Krieges, der Flucht, in den Aufbaujahren und Abrissjahren.« »In welchem Spannungsfeld stand sie? Sie stand in dem gespaltenen Land, in der zerrissenen Menschheit, zwischen Tat und Enttäuschung.« Sie war »die Hoffende, die Zweifelnde, die sich nicht einschränken ließ in einem gebremsten Leben.« »Sie ging bis an die Grenze, an der man sich als Fremde entgegenkommt.« »Man warf ihr das Hierbleiben vor, ihr, die so weit gegangen war, weiter als viele andere, bis an die Ursprünge des Menschseins und vertraut wurde mit dem, was man die Innenseite der Weltgeschichte genannt hat. Sie war nicht vernunfthell. Sie war dunkel.« Insofern: »Der selbstgewisse Westen war nicht die Alternative.«

Am Ende seiner Rede mythisiert er die Dichterin: »Die Gestalten, die sie heraufrief, Kassandra, Medea, umstehen sie wie Schwestern, ein Schutzengelgeschwader. Sie haben alle ihre Gestalt. Sie geht nun selbst in den Mythos ein.« Von der Höhe des Mythos spielt er mit der Ahnung religiöser Befindlichkeit: »Der Alltag der Toten beginnt. Er wird bei ihr ausgefüllt sein.«

Eine ganz andere Rede folgt. Jana Simon, geboren 1972 in Potsdam, Journalistin in der ZEIT, redet über ihre Großmutter. Sie sei ein »ausgemachter Familienmensch« gewesen. Wenn sie von ihrem Mann, Gerhard Wolf, bis zum letzten Tag seine selbst gekochte Suppe aß, fragte sie: »Kocht ihr euch eigentlich auch manchmal was?« Sie sei eine gesellige Frau gewesen. »Stets gab es exzellentes Essen und guten Wein.« Wer zum ersten Mal bei den Wolfs zu Gast gewesen sei, habe sich gewundert, wie laut es an der Tafel zugegangen sei. Man aß, man trank sich zu, redete aufeinander ein, vor allem aber, man sang, anhaltend und laut, und zwar Volkslieder. Für die Enkelin war die Großmutter die emotionale Mitte der Familie. »Wenn es einem von uns einmal nicht so gut ging, hast du ihm deine Strahlen gesendet.« Sie beschwört die Wohnung der Großeltern: »Eure Wohnung: ein Wehr gegen die Anfechtungen der Gegenwart. Die Schwelle führte in ein anderes Jahrhundert und in eine Welt, die es bald nicht mehr geben wird und in der Dummheit das schlimmste Schimpfwort ist.« Andererseits habe sie sich nicht gescheut, mit selbstverständlicher Freude triviale Fernsehserien anzuschauen.

Die Welt draußen sei die Welt der schweren Kämpfe gewesen. Die Schwere dieser Kämpfe, in denen sie sich aus politischen Gründen mit Freunden überworfen habe, sei für die Enkel kaum zu verstehen gewesen, wenn auch durchaus so etwas wie Neid auf die »Existentialität« dieser Kämpfe da sei. Und vor allem Achtung vor der »Anständigkeit«, mit der die Großmutter diese Kämpfe ausgetragen habe.

Zum Ende spricht Jana Simon von ihrer Tochter. »Als Nora hörte, dass du im Krankenhaus lagst, packte sie gleich ihren Arztkoffer und wollte dir helfen. Die Kleine hat nicht begriffen, dass du nicht mehr da bist. Wie wir alle. Wie auch? Du fehlst.«

Stille, lange Stille. Die persönliche Offenheit tröstet. Und dann wird aus der Kapelle der helle mit Rosen bedeckte Eichensarg getragen, von sechs Trägern in dunkelblauen Regenüberhängen, die vier Stufen hinunter. Er wird auf einen Wagen gestellt und auf ihm zum Grab geschoben. Nicht getragen. Hinter dem Sarg, eingehöhlt von zwei großen dunklen Regenschirmen, schleppt sich Gerhard Wolf, der Ehemann, gekrümmt, nach unten gebeugt, eingehakt bei seinen beiden Töchtern Katrin Wulf rechts, Annette Simon links von ihm. Fünfzig Jahre hat er mit seiner Frau zusammen gelebt. Ihnen folgt die große Familie, viele junge Menschen und unter ihnen die klagenden Töne des Oboenspielers. Dann folgen Freunde, die Verlegerin Ulla Berkéwicz, Günther Grass, tief gebückt, in seinem beigen Fischgrätenmantel, huschend wie ein Gespenst, Gregor Gysi mit seiner Frau, an seiner rechten Seite hängend, verweint. Aufrecht Wolfgang Thierse neben Friedrich Schorlemmer.

Ingeburg und ich bleiben nicht mehr stehen am Rand. Wir gehen in den Trauerzug hinein und stehen so dicht hinter den anderen, dass wir nicht sehen, wie der Sarg in die Erde gelassen wird. Wir hören die kurze Grabrede der Pfarrerin Ruth Misselwitz, Vorsitzende der Aktion Sühnezeichen, Moderatorin des Runden Tisches zur Wendezeit. Sie spricht einen »weltlichen Segen«, denn die Tote habe »das Leben geliebt ohne religiöse Dogmen.« Sie spricht von ihrer und unserer Betroffenheit, vom »Alleingelassensein«. Zum Schluss: »Wir werden alle erfahren, dass sie in uns weiterlebt.« Aus der Zuflucht zu Gott ist die Macht unserer irdischen Teilhabe geworden. Relativierung der Ewigkeit durch die Erinnerungen in der Folge der Zeiten.

Die Trauernden grüßen zum letzten Mal. Sie werfen ihre Rosen oder Sand auf das Grab. Wir warten bis zum Grab eine Stunde. Links von uns, nur einen Meter entfernt, an der hohen Fichte, zwischen Thomas Brasch und Hans Mayer, steht Corinna Harfouch und schaut auf das Grab, nass vom Regen, sie trägt keinen Schirm, viele Minuten ohne Bewegung.

Von irgendwoher zwischen den Gräbern wieder die Oboe. Kein Schrei, keine Klage mehr. Volkslieder. Sie reißen an der beherrschten Trauer der Grabgänger. Erinnerter Zauber vergangener Geselligkeit. »Dat du min Leevsten büst, dat du woll weeß, kumm bi de Nacht, kumm bi de Nacht, segg wo du heeßt«, »Leise zieht durch mein Gemüt liebliches Geläute, klinge kleines Frühlingslied, kling hinaus ins Weite.« …

Schließlich stehen Ingeburg und ich vor dem offenen Grab. Voll von Rosen, der Sand ist zwischen ihnen hindurch nach unten gerieselt. Wir werfen nebeneinander stehend Sand in das Grab. Dreifaltige Beschwörung des Mythos: für Artemis, die Junge, für Aphrodite, die Reife, für Hekabe, die Alte. Authentisches Sein im Prozess der wechselnden Augenblicke des Lebens.

Von der politischen Führung der Bundesrepublik ist niemand gekommen. Der Bundespräsident und der Regierende Bürgermeister von Berlin haben einen Kranz geschickt.

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