Abschied von Dr. Detlef Gojowy: Der stille Gigant kehrt heim

Veröffentlicht von Andreas Züll am 10. November 2014 in Berichte aus dem Verband

In diesem Monat hätte mein lieber Freund Detlef Gojowy seinen 80. Geburtstag gefeiert. Grund genug, noch einmal an diesen großartigen Menschen und Schriftsteller zu erinnern! Das Bild zeigt ihn zusammen mit Hans-Jürgen Schmelzer und mir bei einer FDA-Lesung in Rheinbreitbach im Oktober 2004. Schon vier Jahre später hieß es einen schweren Abschied nehmen:

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Abschied von Dr. Detlef Gojowy
DER STILLE GIGANT KEHRT HEIM
7. Oktober 1934 — 12. Oktober 2008

Nachrichten. Schlechte und gute. Zwischen Detlef Gojowy in Unkel am Niederrhein und mir in Steinfeld in der Eifel sind in den vergangenen Jahren eine Reihe davon hin und her gegangen. Zeitweise hätten wir wohl ein rotes Telefon gut brauchen können. Nachrichten. Es gibt sie, jene Nachrichten, die über einen herein brechen, so plötzlich, so überraschend, obwohl man weiß, dass sie kommen werden, kommen müssen. Irgendwann. Aber man lässt die Zeit verstreichen ohne sich einzustellen auf das Kommende, denn ihr Inhalt erscheint uns schon so unwirklich, so nahezu unmöglich noch ehe wir sie überhaupt erhalten haben. Detlefs Tod im Oktober vergangenen Jahres kam nicht unerwartet, nicht überraschend, die Wochen zuvor schon hatte er begonnen, seinen »Kram« aufzuräumen, hatte leise Abschied genommen, geduldig, fast unbemerkt, wie es seine Art war. Nach Jahren der Krankheit sprach aus seinen Worten noch immer Zuversicht, noch immer die Kraft und der Elan, mit denen er uns stets anzustecken vermochte. Und dann ist sie da, eines Morgens, diese Nachricht. Erwartet. Unerwartet. Unwillkommen. Und lange Zeit auch ungeöffnet. Der Brief, der letzte, den niemand von uns selbst mehr schreibt, liegt auf dem Schreibtisch. Wozu öffnen, wenn man den Inhalt kennt, aber nicht zur Kenntnis nehmen will? Daran, was er mitteilt, ändert ein letzter Gruß nichts mehr. Detlef ist tot. Ein wenig ratlos sitze ich davor und ringe mit den Tränen. Nein, das kann nicht sein. Menschen sterben, ja. Daran ist nichts Ungewöhnliches. Aber Detlef Gojowy war es, war ungewöhnlich.

Wer war dieser Mann?

Wie rasch sind doch die Eckdaten eines Lebens aufgezählt? Geboren in Freital in Sachsen am 7. Oktober 1934, Abitur in Dresden 1952, Germanistik-Studium in Ost-Berlin, Musik-Studium in West-Berlin, dann Slawistik und Musikwissenschaft in Göttingen. Promotion über »Neue sowjetische Musik der 20er Jahre« 1966. Danach die vielen Bücher, wie oft schon aufgezählt, das letzte noch, die »Musikstunden«, ein würdiger Abschluss. Die Arbeit für verschiedene Zeitungen, für den Rundfunk. Und den FDA. Eine Dekade Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen, dann Europabeauftragter, Ehrenpräsident. Eine Ära, die große Fußspuren hinterlassen hat.

Wer war dieser Mann?

Dann der Friedhof in Unkel. Ich bin früher dort als die Trauergemeinde, denn zur Kirche geschafft habe ich es nicht. Der Zufall will es wohl, diese letzte Begegnung vor der Friedhofskapelle. Der Wind geht. So sehen wir uns wieder. Detlef in seinem Sarg und ich einige Meter gegenüber auf einer Bank. Noch einmal er und ich gemeinsam, ein stummes Gespräch zwischen Kollegen, zwischen Freunden, geführt durch Erinnerungen und Gedanken. Ein Gespräch fast wie zwischen Vater und Sohn. Ein Abschied. Viel erlebt haben wir zusammen in diesem FDA, jenem Verband, der uns beiden sooft die Nerven geraubt hat und dem wir doch immer mit ganzem Herzen verbunden waren. Noch ein Jahr zuvor erst Detlefs Wahl zum Ehrenpräsidenten. Es ist eine schönere Aufgabe, Ehrungen zu schreiben als Nachrufe. Auf der Bank noch fällt mir dieser Satz ein, der Detlef so gut gefallen hat: Sein Maul hat er aufgemacht. Man nimmt es uns sicher übel, wenn ich das noch einmal schreibe, geht es mir durch den Kopf. Detlef Gojowy, das war ein Mann, der sein Maul aufgemacht hat. Unerhört! Einen Moment lang ist es mir, als könne er schmunzeln, der Tote in seinem Sarg. Als freue Detlef sich, so Abschied zu nehmen, mit einem Lächeln und einem deutlichen Wort. Nicht mit grimmen Zügen, sondern sanft und aufrecht, wie er es im Leben war.

Nein, mein Freund, still warst du, aber niemals wärst du verstummt. Bescheiden, aber fest und unbeirrt in allem was du gesagt, getan, geschaffen hast. Voll Geist und Humor und Gerechtigkeit. Wie fehlst du mir darin! Seitdem wir uns kennen, seit jenem Bonner Sommersonntag, bist du mein Vorbild gewesen. Ich habe es dir nie gesagt. Du hättest wohl auch keines sein wollen, ein Vorbild. Mehr ein Anstifter, ein Anstoßer, ein Beweger und Verknüpfer von Gedanken und Menschen, die ihren eigenen Kopf zu gebrauchen verstehen. Der Sachse, der Europäer, der Weltbürger, der überall zuhause ist und doch daheim nur bei seiner Christiane. Der Schriftsteller, der ausgebuffte Literat. Detlef als Ideenmagier, als treuer, als standhafter Fels. Am Klavier. Detlef wie er eine Melodie summt und leise vor sich hin singt, der Musiker, der Gelehrte, der soviel weiß und doch immer das Staunen der Welt bleibt, interessiert, aufgeschlossen, respektabel ebenso wie respektvoll. Detlef, der Christ, der Deutsche, der Demokrat, Detlef, der Kritiker, der Freund, der Haudegen, der jedem ein offenes Ohr hat. Mutig und eloquent, wie du stehst vorne am Rednerpult und wieder mitten im Getümmel, den Kontakt zu allen suchend, zu allen aufbauend, zu allen pflegend.

Und Detlef, die Persönlichkeit, der Gigant, dessen Tritt man nicht hört und nicht sieht und nicht spürt, und der doch seine Spuren hinterlässt in uns, die wir ihn gekannt haben und mit ihm seine Zeit teilen konnten. Ich bin stolz, so stolz dein Freund gewesen zu sein.

Nachrichten. Nie wieder Nachrichten zwischen dir in Unkel und mir in Steinfeld. Es wird mir fehlen, dich um Rat zu bitten. Es wird mir fehlen zu diskutieren mit dir, von dir zu lernen. Unser FDA verliert in dir nicht nur seinen Ehrenpräsidenten, sondern einen Teil seiner lebendigsten Geschichte. Es ist eine gute Geschichte, die du uns hinterlässt. Und eine Nachricht, die nicht verstummen wird, damit wir darin lesen können. Und unser Maul aufmachen, den Mut behalten. Du gehst nicht wirklich fort, du bleibst bei uns und sprichst noch immer. Wenn wir nun Abschied nehmen müssen, dann trennt uns nur dies eine dünne Band, die Grenze, über die wir alle gehen müssen.

Lebe wohl, Detlef, auf der anderen Seite. Bis wir einander wiedersehen.

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