Der Boxer oder Leben und Sterben in Warschau

Veröffentlicht von Dr. Manfred Luckas am 15. März 2018 in Rezensionen

Das Alef ist der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets und läutet die erste Runde des furiosen Romans Der Boxer von Szczepan Twardoch ein. Furor wohnt auch Jakup Shapiro inne, dem »großen, gutaussehenden Juden mit breiten Schultern und dem mächtigen Rücken eines makkabäischen Kämpfers«. Shapiro, »seine Züge hart und grob, die Nase trug die Spur eines alten Bruchs«, boxt für den jüdischen Club Makkabi Warschau. Twardoch schickt seinen gebrochenen Helden dabei ohne Aufwärmen in die literarische Ringmitte, gönnt ihm, wie auch in den restlichen 450 Seiten, kaum eine Ruhepause. Und gleich zu Beginn trifft er auf den perfekten Widerpart – mental, boxstilistisch und äußerlich – mit dem er ebenfalls bis fast zum Ende hin in den Clinch gehen muss: nicht mit Boxhandschuhen, aber umso verbissener. Andrzej Ziembinski, »blassblaue Augen und ein kantiger Art-déco-Kiefer«, boxt für den katholischen Club Legia Warschau. »Er sah aus wie die deutschen Sportler, arische Halbgötter auf den Fotos und Zeichnungen«.

Kurzer Sidestep ins historische Setting: Wir befinden uns im Jahr 1937, im politisch aufgeheizten Klima des Polens der Zwischenkriegsjahre. Rechtsradikale und rechtsnationale Bewegungen wie die faschistische Falanga terrorisieren die Straße, während die polnischen Juden immer stärker diskriminiert und verfolgt werden. Antisemitismus ist an der Tagesordnung, Jakubs Bruder Moryc, seines Zeichens Zionist, muss an der Universität in eigens den jüdischen Studenten zugewiesenen Bänken sitzen. Das Hörsaal-Ghetto ist dabei nur eines von vielen.

Wieder zurück in den Ring: Die Fronten sind also in jeder Hinsicht geklärt, »der hellhaarige Riese mit dem Wappen der Legia auf der Brust würde immer etwas Besseres sein als der jüdische Boxer im Hemd von Makkabi«. Doch dass ein Jude im Ring einen Christen besiegen kann, zeigt Shapiro, der »von unten einen mächtigen linken Haken« schlägt, an diesem Abend eindrucksvoll: »Ziembinski, am Kinn getroffen, erschlafft sogleich und stürzt mit Getöse in den Ring«, zuckt am Boden ohnmächtig hin und her, »mit Beinen und Armen zappelnd wie ein geschächtetes Tier«.

Dem Autor gelingen hier genau und stimmig komponierte Boxszenen, die dichte und authentische Beschreibung gibt Ton und Diktion des Romans vor, auch dessen Härte und Brutalität. Die von Twardoch geschilderten Gewaltexzesse des kriminellen Milieus, in dem sich Jakub Shapiro als rechte Hand des Paten Jan Kaplica nach seinem Karriereende tummelt, lassen den Faustkampf im Vergleich dazu als das erscheinen, was er wirklich ist, ihm jedoch die Wenigsten zugestehen: als regelgeleitete, faire, sportliche Form kodifizierter Gewalt, bei der das Ende tatsächlich das Ende bedeutet.

Und so gibt es auch für den ausgeknockten Ziembinski ein Leben nach dem Gong. Aber der Abend gehört dank des Triumphes von Shapiro den Underdogs: »Die jüdischen Zuschauer sind aus dem Häuschen vor Begeisterung, als hätten sie selbst gerade jeden Polen auf die Bretter geschickt, der sie jemals schief angesehen hat; das christliche Publikum buht, empört darüber, dass die Ordnung der Dinge durcheinandergeraten ist«.

Die symbolische und metaphorische Bedeutung des Boxens bringt Twardoch im Kontext des Zeitgeschehens souverän ins Spiel. Schließlich wurden auch die beiden Kämpfe zwischen Joe Louis und Max Schmeling in den 1930er-Jahren zu Stellvertreterkriegen unterschiedlicher politischer Systeme stilisiert.

Und Victor Klemperer notiert am 15. Juni 1934 in seinem Tagebuch Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten:

Komisch: welches Vergnügen es mir macht, daß heute gemeldet wird, der Kalifornier Baer habe gegen den italienischen Riesen Carnera die Boxweltmeisterschaft gewonnen. Baer, der neulich Schmeling schlug, ist Jude. Unsere Zeitung riß ihn gestern herunter und gab alle Gewinnchancen dem Italiener. – So geht jetzt wider allen Willen das Gefühl. Baer = Simson = Goliath – bellum judaicum.

Twardoch stellt seinem großen literarischen Wurf, von Olaf Kühl gekonnt und kraftvoll übersetzt, ein Zitat aus Herman Melvilles Moby Dick voran. Gute Wahl das, kämpfen doch in Jakup Shapiros mächtiger Brust ebenfalls zwei Seelen miteinander: mal ist er selber weißer Wal, mal Kapitän Ahab, der sich vor Ahab hüten muss. Mal ist er – gebrochener Held in gebrochener Erzählperspektive – wahlweise Mojzesz Bernstein oder Mojzesz Inbar. Aber alles und immer mit viel Blut, viel Kampf und biblischer Wucht. Der Pottwal, im Polnischen Kaszalot, taucht dann auch im Verlauf des Romans mehrfach aus den Untiefen des Unterbewusstseins auf, zahnbewehrt und unheilschwanger wird er zum düsteren Menetekel, dessen, was noch kommt und an Matthäus 26,52 gemahnt: »Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen«.

Szczepan Twardoch präsentiert sich mit Der Boxer in exzellenter Form, punktet, wie schon bei den Romanen Morphin und Drach, mit technischer Finesse und erzählerischer Schlagkraft. Der 38-jährige, polnische Autor etabliert sich damit als eine der wichtigsten neueren Stimmen der europäischen Gegenwartsliteratur. Darüber dürften sich Leserinnen und Leser wohl ebenso zu Recht freuen wie der Rowohlt-Verlag.

Scczepan Twardoch: Der Boxer. Rowohlt Verlag, Berlin 2018 (464 Seiten, gebundene Ausgabe 22,95 €, Kindle Edition 19,99 €).

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