Der literarische Nachmittag Haus Dr. Grau, September 2012

Veröffentlicht am 2. September 2012

Der Literarische Nachmittag Haus Dr. Grau, 01.09. 2012

Dr. Dieter Grau, Kay Ganahl, Ursel Langhorst, Dr. Ingo Piel, C. Fredriksen, Gisela Rein-Irmscher, Claus Irmscher, Christiane Gojowy, Rüdiger Henkel, Dietrich Garstka, Wolfgang Kreuzer, Rosemarie Bühler, Marianne Kuhlmann

Man spricht von einem »Bilderbuchtag«, wenn einfach alles stimmt: Sonne am blauen Himmel, Blick über die Weite des Landes bis hin zum Siebengebirge, fröhliche Stimmen, Lachen, das Klingen der Gläser auf der Terrasse des gastfreundlichen Hauses Dr. Dieter Grau. Das perfekte Entree in einen Literarischen Nachmittag.

Drinnen die Kaffeetafel, festlich gedeckt für die große Leserunde mit Besuch aus Thüringen von Claus Irmscher (Vorsitzender des LV Thüringen) und seiner Frau Gisela Rein zusammen mit Christiane Gojowy. Alle drei herzlich begrüßt als besonders willkommene Gäste an diesem Literarischen Nachmittag.

Wie immer gab es 10 Minuten Lesezeit für jeden, der lesen mochte. Das geschah in buntem Wechsel, querbeet, verschiedene literarische Genres berührend. Zwischendurch ein paar Denkanstöße z. B. zum Aufbau, Stil, Inhalt eines Werkes. Kein Auseinandernehmen eines Textes, das zu der salonähnlichen Atmosphäre eines Literarischen Nachmittags nicht passen würde.

Beispielhaft sei hier nur einer der gelesenen Texte genannt und auch vorgestellt, über den kontrovers diskutiert wurde: »Der fehlende Ritter« von Ingo Piel. Es lohnt sich, ihn nachzulesen, sich ein paar Gedanken darüber zu machen, so, wie ich das nun tue:

Fantasy? – Gothic? – Reality? – Der Text berührt verschiedene literarische Genres.
Erlesene Sprache, bildhaft, in der Tradition des Schauerromans. Es entsteht ein »Kopfkino«, der Leser denkt nicht mehr, er sieht.
Ein literarischer Genuß, wenn »Fledermäuse« nicht in der Luft sondern »mit der Luft tanzen« und dabei die Dimension des Surrealen berührt wird. – »Pures Schwarz strömte« … sind lyrische Bausteine im Prosatext. Stringenter Aufbau des Textes.

Ob Sie Lust haben, sich weitere Gedanken über den Text zu machen, dann tun Sie das doch bitte, lassen Sie es den Autor wissen oder auch mich!

Marianne Kuhlmann,
die sich im Namen aller sehr herzlich für die Gastfreundschaft bei Herrn und Frau Dr. Grau bedankt.

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Der fehlende Ritter

Friedrich horchte auf. Da war es wieder – dieses leise Heulen und Säuseln aus den oberen Etagen. Es konnte ein Windzug sein – oder etwas anderes, vielleicht Stimmen, wie ein Wispern oder sehr leises, weit entferntes Rufen.

Die Herrschaften waren bereits zu Bett gegangen und im Kaminzimmer brannte das Feuer noch nieder. Friedrich räumte die Rauchwaren des Herrn Baron zurück in das schwere, dunkle Holzregal vor der unverputzten Wand gegenüber den Fenstern. Neben zahlreichen, in Leder gebundenen Büchern und großformatigen Bildbänden über ferne Länder sollten sie hier ihrer nächsten Benutzung zuwarten.

Den Whiskey und Madames Liqueur räumte Friedrich zurück auf den an seinen Ecken mit Silber beschlagenen Glastisch für Getränke. Madames Lektüre lag noch aufgeschlagen auf ihrem Lieblingsmöbel, dem kleinen Beistelltisch aus Mahagoni, auf dessen oberer Platte eine Glasscheibe eingelassen war. Unter diesem Schutz der ebenso fragilen wie harten Haut lächelte friedlich ein Mosaik aus großflächigen schillernden Perlmutt-Täfelchen.

Es war ruhig geworden auf Burg Söldt, seitdem Guntram und Beatrice erwachsen geworden waren und sich fort verheiratet hatten. Das Umland lag in der schwer schon sich herabsenkenden Dunkelheit und die Wiesen waren in einen dichten hüfthohen Nebel getaucht. Fledermäuse begannen ihren unruhigen geräuschlosen Tanz mit der Luft.

Friedrich, der schon etwas in die Jahre gekommene Hausdiener, beugte sich zu dem schweren schmiedeeisernen Kamingitter herab und hob es ruhig zur Seite. Mit einem langen Eisen verteilte er die Glut so, dass sich keine weiteren Holzstücke entfachen konnten und bereits glühende Stücke sich langsam abkühlen und schließlich erlöschen würden.

Mit einem mal spürte Friedrich, dass er nicht länger alleine im Raum war. Anders als wenn er die körperliche Präsenz seiner Herrschaften wahrnahm, ohne auch nur im entferntesten von ihnen berührt zu werden, erschauderte er jetzt ob einer unerfindlichen Kälte. Friedrich richtete sich langsam auf, wagte jedoch noch nicht, sich umzudrehen. Weder Schritte noch jemandes Atem waren zu vernehmen, als plötzlich die alte Standuhr zur Mitternacht schlug.

Der Hausangestellte fühlte sich wie von einem langen Faden an einer Schulter um die eigene Achse gedreht und stand bald, ohne dass er wusste, wie ihm geschehen war, mit dem Rücken zum Kamin sowie Angesicht zu Angesicht gegenüber – einer Ritterrüstung. Nachdem er nun schon bald fünf Jahrzehnte und damit den weit größten Teil seines Lebensweges mit ihrem Anblick lebte, erschreckten ihn diese Blechgetüme nicht mehr. Diese jedoch, ihm direkt gegenüber, hatte er auf Burg Söldt noch nie gesehen!?
Ihr Visier war herabgelassen und von senkrechten Sehschlitzen durchzogen. Schulterpartien, Ellenbogen und Knie wurden, wie gewöhnlich, von einer zusätzlich aufgetragenen, verstärkenden Metallschicht beschirmt, während nach außen gewölbte, dicke Metallplatten Brust und Rücken des Kämpfers unversehrt halten sollten.

Eine eigentümliche Mischung aus Ruhe und zupackender Entschlossenheit zog Friedrich in ihren Bann. An das liegengebliebene Buch von Madame oder das noch fortzuräumende Liqueurglas dachte er nun nicht mehr. Wie von einem Bannstrahl geführt, bewegte er sich fortgesetzt in zu der Ritterrüstung gleichbleibendem Abstand und nahm bald auf einem Fauteuil in der Mitte des Raumes Platz. Die Rüstung kauerte nun auf einem Sitzmöbel ganz in seiner Nähe, ohne das Angesicht – vielmehr das Visier – auch nur einen Moment abgewandt zu haben. Aber plötzlich hob sie langsam ihren rechten Arm.

Friedrich lief ein kalter Schauer über den Rücken. Stetig näherte sich die eiserne Hand dem Kopfschutz, von welchem herabhängend ein dichtes Kettengeflecht zusätzlich Brust, Schultern und Nacken beschirmte. Die Hand legte ihre Finger auf das Visier – und schob es sachte nach oben. Friedrich sah – nichts! Der Helm war leer! Pures Schwarz strömte aus der eisernen Haube und hüllte den gesamten Raum in Dunkelheit.

Mit einem Mal spürte er einen stechenden Schmerz in seiner rechten Schulter. Mit einem gewaltigem Knall hatte ihm selbst ein Berittener mit seinem Morgenstern einen Hieb auf nun seine – Friedrichs – Rüstung gegeben. Friedrich riss an den Zügeln des Rosses, auf dem er sich plötzlich wiederfand, auf dass dieses sich aufstellte und nur auf den Hinterbeinen gehend sich umdrehen ließ. Sein Angreifer war noch mit weiteren Widersachern im Kampf, als Friedrich mit all’ seiner Kraft ausholte und seine Streitaxt in Richtung des Fremden schleuderte. Die Waffe kreiste mit starkem Surren auf das Haupt des Angreifers zu und durchdrang dessen nur aus einem Kettenhemd gebildeten Kopfschutz bis zum Stilansatz. Noch während der Aggressor erneut seinen Morgenstern schwang, spritzte schon das Blut aus der Wunde, erstarb ihm sein Schlachtgebrüll, vom Tode überrascht. Nach ein, zwei Sekunden erschlafften seine Muskeln und nicht Herr mehr seiner selbst, stürzte er wie ein riesiger Mehlsack von seinem Pferd auf den Boden.

Friedrich gewahrte, wie die Hörner der Feinde zum Rückzug bliesen. Offensichtlich war gerade ihr Scharführer gefallen. Und so, wie er nun müde den Gaul auf eine ruhigere Seite des Schlachtfeldes lenkte, verblassten die Rufe, das Schnauben der Rösser und der Anblick der Toten wie Verwundeten rings um ihn her.

Eine Frauenstimme wurde deutlicher und etwas Feuchtes, Kühles legte sich ihm angenehm auf die Stirn.

»Geht es dir besser, mein Liebling?«, fragte die Stimme. Er öffnete mit Mühe seine Augen und bemerkte, wie das Tageslicht in seine Augen stach.

»Wo bin ich?«, flüsterte er. Seine Brust schmerzte dabei.

»Du bist zuhause, lieber Peter und du wirst wieder gesund! Dr. Richards hat gesagt, dass dein Fieber nun zurückgeht und dass du bald wieder aufstehen kannst! Schlaf’ jetzt, mein Schatz! Deine arme Mutter hat Tag und Nacht für dich gebetet und ich danke Gott, dass er meine Gebete erhört hat!«

Sie schloss seine Augen und Peter fiel unmittelbar wieder in tiefen Schlaf. Nach einer Weile fand er sich erneut auf Burg Söldt, doch der Träger der rätselhaften, leeren Rüstung – war er nun selbst. Friedrich dagegen trug das Beil in seinem Kopf und führt ihn hinaus, in die Auen. Bei dem Moor sanken sie beide ohne zu klagen ein.

Peter wachte nicht wieder auf. Dr. Richards fand dafür nur eine Erklärung: der liebe Gott müsse ihn zu sich genommen haben.

© Ingo Piel, Kontakt: sprachgefuehle@gmail.com

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