In der Rückschau: Exil mit Konrad Merz

Veröffentlicht von Dr. Manfred Luckas a.m. 9. Januar 2026 in Rezensionen

Niemand hier schielt schief in meine Vergangenheit, und keiner spuckt mich an und ruft Landesverräter.

Wohl eines der interessantesten Bücher, das ich 2025 gelesen habe – und ähnlich beeindruckend wie der ebenfalls erst spät wiederentdeckte Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz – ist der Roman Ein Mensch fällt aus Deutschland von Konrad Merz, erschienen im S. Fischer Verlag.

Konrad Merz, eigentlich Kurt Lehmann, wurde 1908 in Berlin geboren. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft musste er 1933 die Universität verlassen, emigrierte gleich 1934 in die Niederlande und tauchte dort während der deutschen Besatzung mehrere Jahre unter. 1936 erschien im Amsterdamer Querido Verlag sein berühmt gewordenes Buch Ein Mensch fällt aus Deutschland, das zu den wichtigsten Zeitdokumenten der Exilliteratur zählt. Aus Tagebucheinträgen und Briefen entsteht hier das Porträt eines jungen Mannes, der ganz unmetaphorisch aus Deutschland »herausgefallen« ist und diesen drastischen Umstand mit Melancholie und bitterem Humor beschreibt. All das Düstere, das in den kommenden Jahren so schicksalshaft folgen wird, lässt sich in den Schilderungen von Merz schon vorausahnen – und die Parallelen zum aktuellen Geschehen sind unübersehbar.

Die Neuausgabe enthält ein Nachwort von Klaus Mann, der weiß, was es heißt, »in zwei Zungen zu stocken.« Sein Resümee:

Es ist in diesem Buch eine Unmittelbarkeit, eine echte Intensität des Gefühls, die jeden gerechten und empfänglichen Leser nachdenklich stimmen wird […]. Die Stimme dieses Menschen hat einen starken und eigenen Ton, ich bin davon überzeugt: Man wird sie nicht überhören.

Konrad Merz: Ein Mensch fällt aus Deutschland. Gebundene Ausgabe, 208 Seiten, 16,00 €, FISCHER Taschenbuch, Frankfurt/Main 2025.

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