Blogeinträge in »Rezensionen«

Moderne Seher oder Das Geheimnis der Namen

Veröffentlicht August 25 2026

Von einem Buch zum andern wandern / hunderte von Seiten lang / durch die Pariser Vorstädte / zurück in Büchners Zeit / über Gedichte hinter dem Eisernen Vorhang / mitten durch ein Ideen-Gewimmel / aus Reiselust einen Blick auf Rom werfen Volkmar Mühleis, in Brüssel lebender Lyriker, Schriftsteller und Musiker, singender und rezitierender Part des Improvisationsensembles Brussels Cleaning Masters, zählt zu den interessantesten Stimmen der Gegenwartsdichtung. Nun ist – nach Fête de la Musique, Das Recht des Schwächeren und Gesichtsverlusterkennung – mit Moderne Seher schon sein vierter Gedichtband im Oberhausener ATHENA-Verlag erschienen: wieder in der stimmigen Reihe edition exemplum, einem […]

Vollständigen Eintrag lesen »

Rimbaud reversed oder Jenseits der Poesie

Veröffentlicht Juli 21 2026

« Il faut être absolument moderne. » In meinem Bücherregal stehen Rimbauds Poésies neben den Fleurs du Mal von Baudelaire und Verlaines Fêtes galantes – und das ist auch gut so. Weniger schön ist die vernehmliche Staubschicht, die sich bis vor wenigen Wochen auf dem französischen Original gebildet hatte. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei, denn Kersten Knipp, seines Zeichens polyglotter Journalist, Buchautor, Moderator – und nicht zuletzt Romanist – hat nun bei Herder Die zwei Leben des Arthur Rimbaud – Vom Kultdichter zum Waffenhändler veröffentlicht. Knipp ist in vielen Epochen und Themen zuhause, hat sich mit der Erfindung der Eleganz und […]

Vollständigen Eintrag lesen »

Menschmaschinen oder Dunkles Futur in RheinRuhr

Veröffentlicht April 21 2026

Enno Stahl hat in den 1990er-Jahren die ersten Deutschen Literaturmeisterschaften unter dem Motto Dichter in den Ring veranstaltet. Dafür gebührt ihm mein bleibender Respekt. Dass sich seither viel getan hat, zeigen aber nicht zuletzt seine jüngeren Publikationen im Kontext einer politisch positionierten, zeitgemäßen littérature engagée. Wer darüber mehr erfahren möchte, greife zum Beispiel zu Die Sprache der Neuen Rechten. Populistische Rhetorik und Strategien (2019) oder Realismus und Engagement. Literatur als Gesellschaftsanalyse und soziale Utopie (2022). Nun also, knapp 50 Jahre nach Kraftwerk, mit einem n am Ende mehr und thematisch durchaus in Reichweite zu den o. g. Sachbuchtiteln, die Menschmaschinen. Verlegt […]

Vollständigen Eintrag lesen »

Marius oder Wo Macht ist, ist Widerstand

Veröffentlicht April 17 2026

Am 15. April 2026 las der Autor und Journalist Klaus W. Bender in der Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln aus seinem Buch Marius – Résistance! Ein jüdisches Leben im Schatten des Nationalsozialismus, das im Züricher Verlag elfundzehn erschienen ist. Bender, Jahrgang 1938, war als Journalist lange für die Frankfurter Allgemeine Zeitung tätig und zog die mehr als 50 Besucher in den atmosphärischen Räumlichkeiten der Buchhandlung mit seiner Präsenz sofort in den Bann. Einer Präsenz, die dem Protagonisten seines Buches gerecht wird, denn eine Biografie über Marius Jérémiasz zu schreiben, verlangt allen Beteiligten – auch denen, die sie lesen und ihr zuhören […]

Vollständigen Eintrag lesen »

In der Rückschau: Exil mit Konrad Merz

Veröffentlicht Januar 9 2026

Niemand hier schielt schief in meine Vergangenheit, und keiner spuckt mich an und ruft Landesverräter. Wohl eines der interessantesten Bücher, das ich 2025 gelesen habe – und ähnlich beeindruckend wie der ebenfalls erst spät wiederentdeckte Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz – ist der Roman Ein Mensch fällt aus Deutschland von Konrad Merz, erschienen im S. Fischer Verlag. Konrad Merz, eigentlich Kurt Lehmann, wurde 1908 in Berlin geboren. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft musste er 1933 die Universität verlassen, emigrierte gleich 1934 in die Niederlande und tauchte dort während der deutschen Besatzung mehrere Jahre unter. 1936 erschien im Amsterdamer Querido Verlag sein berühmt […]

Vollständigen Eintrag lesen »

Das Geschenk oder Graue Riesen in der Großstadt

Veröffentlicht Oktober 9 2025

»Zur Rettung des Rechtsstaats bin ich bereit, alles zu opfern, sogar den Rechtsstaat.« Das Brisanteste steht manchmal im Paratext. Dass das fiktive Zitat des fiktiven deutschen Bundeskanzlers Hans Christian Winkler, diesem Buch vorangestellt, sehr bewusst auf das momentane politische Geschehen Bezug nimmt, dürfte von Gaea Schoeters durchaus beabsichtigt sein. Denn eines ist bei der Autorin, die im letzten Jahr mit ihrer Trophäe den deutschsprachigen Buchmarkt so umgepflügt hat wie ein rasender Nashornbulle die Savanne, absolut sicher: Verharmlosung ist ihre Sache nicht. Und wirkt ihr neuer Roman – von Lisa Mensing wieder wunderbar aus dem Niederländischen übertragen – auf den ersten […]

Vollständigen Eintrag lesen »

Stone Pigeon oder Wem gehören die Tauben

Veröffentlicht September 26 2025

Einen undotierten Preis soll ich erhalten. Die Institution will ein Zeichen gegen den Kommerz-Kram setzen. Vorbildlich. Gut für das Kunst-Amt. Schlecht für mich. Ich lehne ab. Ich schreibe Gedichte. Klebe Bücher … Was ich machen würde mit einem Preisgeld? Essen kaufen. Wer Kunst macht, soll ein romantisches Ideal hochhalten. Nicht über Geld reden in einer Vierundzwanzig-Stunden-kapitalistischen-Welt. Ein wenig beobachten. Noch weniger stören. Nicht essen. Scharf getaktete, ungemütliche und provokant-zitierfähige Statements wie diese findet man auf der Seite Süper Depresyon – Die einsame Kolumne von Lütfiye Güzel. Güzel stammt aus Duisburg, lebt und schreibt ebenda, aber auch in Berlin und erhielt 2014 […]

Vollständigen Eintrag lesen »

Steine, Straßen, Städte oder Das Exil ist wie Beton

Veröffentlicht Mai 15 2025

Die Akzente gehören zu den ältesten und profiliertesten Literaturzeitschriften hierzulande. 1953 von Walter Höllerer und Hans Bender gegründet, seit 1981 von Michael Krüger und seit 2015 von Jo Lendle herausgegeben, setzt seit Jahresbeginn der Dittrich Verlag – 2024 mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet – neue Akzente im Literaturbetrieb. So wurden von Herausgeberin Marietta Thien Erscheinungsbild und Anmutung der dezent in die Jahre gekommenen Publikation beherzt entstaubt, wirken nun leichtfüßig, zugänglich, gegenwärtig. Zudem geht das erste Heft des Jahres 2025 auch thematisch und inhaltlich gleich in medias res und setzt vernehmlich Maßstäbe: EXIL – Steine, Straßen, Städte, ein ambitionierter, beziehungsreicher Titel, […]

Vollständigen Eintrag lesen »

WHO is WITCH oder Die Reise nach Babylon

Veröffentlicht April 30 2025

Ein fragmentarisches Ich tastet nach Zärtlichkeit im Brüchigen, sucht Verbindung zu Freund:innen, zu Orten, Idolen, anderen Spezies – und zu sich selbst. Prekäre Formen des Zusammenseins rücken ins Zentrum, die erschaffen und gleichzeitig in Frage gestellt werden. Gedichte, die Netze verteilter Verletzlichkeit bilden und an der Schwelle zu einem neuen Sprechen stehen. Besser als auf dem Buchrücken des beeindruckenden Gedichtbands reise nach BABYlon von Jennifer de Negri kann man es nicht sagen und deshalb lasse ich es an dieser Stelle auch. Was gesagt werden muss, ist, dass es dem Kölner Verleger Adrian Kasnitz wieder einmal gelungen ist, in seiner parasitenpresse […]

Vollständigen Eintrag lesen »

Versteh einer die Deutschen oder Nietzsche ist überall

Veröffentlicht April 10 2025

Der Sujet Verlag in Bremen ist, dank Gründer Madjid Mohit, seit nunmehr fast 30 Jahren eine Institution in der deutschen Literaturlandschaft. Der Verleger, der als politischer Flüchtling aus dem Iran kam, wurde für sein Engagement 2015 mit dem renommierten Hermann-Kesten-Preis des PEN und 2024 mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet. Der Freiheit des Wortes verpflichtet, gibt er immer wieder Autorinnen und Autoren, die sonst nicht gehört würden, eine Stimme. Der Sujet Verlag zeichnet sich in seinem Programm vor allem durch das aus, was Mohit Luftwurzelliteratur nennt – in Abgrenzung zu dem seines Erachtens eher imitierenden und negativ konnotierten Begriff der Exilliteratur. […]

Vollständigen Eintrag lesen »