Blogeinträge in »Rezensionen«
Erste Konfusionen oder Die Null muss stehen
So wie die Menschen in den westlichen Industriegesellschaften in den Nullerjahren immer stärker nach Selbstoptimierung streben, so streben die sozialen Netzwerke danach, sich durch die Überwachung, Registrierung, Kontrolle der Menschen selbst immer weiter zu optimieren. Und je stärker die Menschen danach streben, sich zu rundum optimierten, autonomen Existenzen zu machen, desto mehr von ihrer Autonomie geben sie an Institutionen ab, die sich ihrer Verfügungsgewalt entziehen und sie stattdessen immer ungehemmter kontrollieren. Was wären wir ohne die dialektisch pointierten Gesellschaftsdiagnosen von Jens Balzer, der bei Rowohlt seine vierte Introspektion einer Dekade veröffentlicht hat. Nach dem entfesselten (die 70er), dem pulsierenden (die […]
Vollständigen Eintrag lesen »Gulistan oder Niemand braucht ein Gesicht beim Warten
Sie haben dir vor Sonnenaufgang deinen Mund verboten. Nachts wird das Rückgrat gebrochen. Deine Augen liegen auf dem Boden nach dem Sonnenuntergang. Meine persönliche Reise mit Karosh Taha – geboren in Zaxo, Kurdistan, als Kind mit ihrer Familie vor der Diktatur Saddam Husseins geflohen – begann 2018 mit der Beschreibung einer Krabbenwanderung und setzte sich 2020 Im Bauch der Königin fort. Im Sommer dieses Jahres dann ihre Lesung in der Zentralbibliothek Köln im Rahmen der Lunch Lectures: ein Auftritt voller Präsenz und für mich neuer Einsichten über die sumerische Dichterin Enheduanna: Poetin, Priesterin und Prinzessin, frühe Verkörperung einer feministischen Utopie. […]
Vollständigen Eintrag lesen »Moderne Seher oder Das Geheimnis der Namen
Von einem Buch zum andern wandern / hunderte von Seiten lang / durch die Pariser Vorstädte / zurück in Büchners Zeit / über Gedichte hinter dem Eisernen Vorhang / mitten durch ein Ideen-Gewimmel / aus Reiselust einen Blick auf Rom werfen Volkmar Mühleis, in Brüssel lebender Lyriker, Schriftsteller und Musiker, singender und rezitierender Part des Improvisationsensembles Brussels Cleaning Masters, zählt zu den interessantesten Stimmen der Gegenwartsdichtung. Nun ist – nach Fête de la Musique, Das Recht des Schwächeren und Gesichtsverlusterkennung – mit Moderne Seher schon sein vierter Gedichtband im Oberhausener ATHENA-Verlag erschienen: wieder in der stimmigen Reihe edition exemplum, einem […]
Vollständigen Eintrag lesen »Rimbaud reversed oder Jenseits der Poesie
« Il faut être absolument moderne. » In meinem Bücherregal stehen Rimbauds Poésies neben den Fleurs du Mal von Baudelaire und Verlaines Fêtes galantes – und das ist auch gut so. Weniger schön ist die vernehmliche Staubschicht, die sich bis vor wenigen Wochen auf dem französischen Original gebildet hatte. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei, denn Kersten Knipp, seines Zeichens polyglotter Journalist, Buchautor, Moderator – und nicht zuletzt Romanist – hat nun bei Herder Die zwei Leben des Arthur Rimbaud – Vom Kultdichter zum Waffenhändler veröffentlicht. Knipp ist in vielen Epochen und Themen zuhause, hat sich mit der Erfindung der Eleganz und […]
Vollständigen Eintrag lesen »Menschmaschinen oder Dunkles Futur in RheinRuhr
Enno Stahl hat in den 1990er-Jahren die ersten Deutschen Literaturmeisterschaften unter dem Motto Dichter in den Ring veranstaltet. Dafür gebührt ihm mein bleibender Respekt. Dass sich seither viel getan hat, zeigen aber nicht zuletzt seine jüngeren Publikationen im Kontext einer politisch positionierten, zeitgemäßen littérature engagée. Wer darüber mehr erfahren möchte, greife zum Beispiel zu Die Sprache der Neuen Rechten. Populistische Rhetorik und Strategien (2019) oder Realismus und Engagement. Literatur als Gesellschaftsanalyse und soziale Utopie (2022). Nun also, knapp 50 Jahre nach Kraftwerk, mit einem n am Ende mehr und thematisch durchaus in Reichweite zu den o. g. Sachbuchtiteln, die Menschmaschinen. Verlegt […]
Vollständigen Eintrag lesen »Marius oder Wo Macht ist, ist Widerstand
Am 15. April 2026 las der Autor und Journalist Klaus W. Bender in der Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln aus seinem Buch Marius – Résistance! Ein jüdisches Leben im Schatten des Nationalsozialismus, das im Züricher Verlag elfundzehn erschienen ist. Bender, Jahrgang 1938, war als Journalist lange für die Frankfurter Allgemeine Zeitung tätig und zog die mehr als 50 Besucher in den atmosphärischen Räumlichkeiten der Buchhandlung mit seiner Präsenz sofort in den Bann. Einer Präsenz, die dem Protagonisten seines Buches gerecht wird, denn eine Biografie über Marius Jérémiasz zu schreiben, verlangt allen Beteiligten – auch denen, die sie lesen und ihr zuhören […]
Vollständigen Eintrag lesen »In der Rückschau: Exil mit Konrad Merz
Niemand hier schielt schief in meine Vergangenheit, und keiner spuckt mich an und ruft Landesverräter. Wohl eines der interessantesten Bücher, das ich 2025 gelesen habe – und ähnlich beeindruckend wie der ebenfalls erst spät wiederentdeckte Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz – ist der Roman Ein Mensch fällt aus Deutschland von Konrad Merz, erschienen im S. Fischer Verlag. Konrad Merz, eigentlich Kurt Lehmann, wurde 1908 in Berlin geboren. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft musste er 1933 die Universität verlassen, emigrierte gleich 1934 in die Niederlande und tauchte dort während der deutschen Besatzung mehrere Jahre unter. 1936 erschien im Amsterdamer Querido Verlag sein berühmt […]
Vollständigen Eintrag lesen »Das Geschenk oder Graue Riesen in der Großstadt
»Zur Rettung des Rechtsstaats bin ich bereit, alles zu opfern, sogar den Rechtsstaat.« Das Brisanteste steht manchmal im Paratext. Dass das fiktive Zitat des fiktiven deutschen Bundeskanzlers Hans Christian Winkler, diesem Buch vorangestellt, sehr bewusst auf das momentane politische Geschehen Bezug nimmt, dürfte von Gaea Schoeters durchaus beabsichtigt sein. Denn eines ist bei der Autorin, die im letzten Jahr mit ihrer Trophäe den deutschsprachigen Buchmarkt so umgepflügt hat wie ein rasender Nashornbulle die Savanne, absolut sicher: Verharmlosung ist ihre Sache nicht. Und wirkt ihr neuer Roman – von Lisa Mensing wieder wunderbar aus dem Niederländischen übertragen – auf den ersten […]
Vollständigen Eintrag lesen »Stone Pigeon oder Wem gehören die Tauben
Einen undotierten Preis soll ich erhalten. Die Institution will ein Zeichen gegen den Kommerz-Kram setzen. Vorbildlich. Gut für das Kunst-Amt. Schlecht für mich. Ich lehne ab. Ich schreibe Gedichte. Klebe Bücher … Was ich machen würde mit einem Preisgeld? Essen kaufen. Wer Kunst macht, soll ein romantisches Ideal hochhalten. Nicht über Geld reden in einer Vierundzwanzig-Stunden-kapitalistischen-Welt. Ein wenig beobachten. Noch weniger stören. Nicht essen. Scharf getaktete, ungemütliche und provokant-zitierfähige Statements wie diese findet man auf der Seite Süper Depresyon – Die einsame Kolumne von Lütfiye Güzel. Güzel stammt aus Duisburg, lebt und schreibt ebenda, aber auch in Berlin und erhielt 2014 […]
Vollständigen Eintrag lesen »Steine, Straßen, Städte oder Das Exil ist wie Beton
Die Akzente gehören zu den ältesten und profiliertesten Literaturzeitschriften hierzulande. 1953 von Walter Höllerer und Hans Bender gegründet, seit 1981 von Michael Krüger und seit 2015 von Jo Lendle herausgegeben, setzt seit Jahresbeginn der Dittrich Verlag – 2024 mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet – neue Akzente im Literaturbetrieb. So wurden von Herausgeberin Marietta Thien Erscheinungsbild und Anmutung der dezent in die Jahre gekommenen Publikation beherzt entstaubt, wirken nun leichtfüßig, zugänglich, gegenwärtig. Zudem geht das erste Heft des Jahres 2025 auch thematisch und inhaltlich gleich in medias res und setzt vernehmlich Maßstäbe: EXIL – Steine, Straßen, Städte, ein ambitionierter, beziehungsreicher Titel, […]
Vollständigen Eintrag lesen »


Neueste Kommentare