Der Gedankenkasten: Zur literarischen Lesung mit Diskussion in Monheim

Veröffentlicht von Kay Ganahl am 9. April 2019 in Literarische Aktivitäten

Ich habe das Buch Der Gedankenkasten. Prosaminiaturen geschrieben. Die in ihm kapitelweise gesammelten Prosaminiaturen sind einfach Spiegel, die in der Literatur entstehen, um der Gegenwartsgesellschaft zu zeigen, wie sie wirklich ist – wie sie auch werden könnte. Kritisches Reflektieren »auf den Punkt gebracht« ist das, worum es bei Prosaminiaturen geht: Ein Lebensaspekt wird aufgegriffen, um in wenigen Sätzen benannt und kritisch beleuchtet zu werden. Damit wird eine der zahlreichen Aufgaben erfüllt, die AutorInnen in unserer Zeit haben: Gebliebenes, Gegebenes zu sehen und zu kritisieren, aber auch zukünftig Mögliches aufzuzeigen! Der Aspekt der Zeit ist dabei am wichtigsten. Wir leben in einer Rasanz des Gegenwärtigen, die so noch nie dagewesen ist.

Was gekommen ist, geht auch wieder – verschwindet im Schlund der Zeit?! Ja?

Nun, ich finde jedenfalls, es ist an uns AutorInnen, dieser Tendenz mittels unserer literarischen Kreativität entgegenzuwirken. Was gekommen ist, darf nämlich durchaus bleiben. Wir können entscheiden und auswählen! Gewissermaßen als »geistige Avantgarde« in und mit der Literatur können wir einem wahllosen Kommen und Gehen, das dem brutal wirkenden Zeithorizont unterworfen ist, erfolgreich entgegenwirken.

Jeder steht als Kreativer für sich allein, aber eben auch für die Anderen, mit den Anderen. Es gilt, sich für die wichtige Entwicklung von Gedanken die erforderliche Zeit zu lassen. Zu entschleunigen ist wohl sinnvoll. Den Zeithorizont sollten wir – nicht nur als Kreative – human zu dominieren lernen.

Im Freien Deutschen Autorenverband/NRW sind wir, meine ich, auch und gerade dem verpflichtet, was bleiben muss: Das sind die literarischen Werke, die das in aller Selbstverständlichkeit aufgrund ihrer kritischen Intelligenz und Fantasie verdient haben. Sie müssen ruhig und in die Tiefe ihre je eigene literarische und soziale, vielleicht gar politische Wirkmacht entfalten. Dazu gehört jedwede Form von Erfolg. Dies kann sich nicht einfach so ergeben, indem ein Print oder Ebook auf den Markt kommt. Erfolg braucht Engagement! Der Werkverfasser muss kontinuierlich und ganz hartnäckig am Vermitteln des Buchinhalts arbeiten, dabei für alles offen sein, – ständig Leser und Zuhörer suchen und finden.

Deshalb war es schön, dass Frau Cornelia Gellwitzki-Müller von ProLiteratur (Vorsitzende des Fördervereins ProLiteratur der Monheimer Stadtbücherei) letztes Jahr auf die Idee kam, den Gedankenkasten auch in der Monheimer Stadtbücherei lesen zu lassen, so dass ein Publikum auf die Prosaminiaturen unmittelbar reagieren konnte. Ein Event musste entwickelt werden.

Dies haben wir gemeinsam getan. Ute Mrozinski, Autorin der Science-Fiction und der Kriminalliteratur, gesellte sich dazu. Sie wurde während der Veranstaltung, der Matinee am 31. März 2019 aber nicht zu einer Kontrahentin, sondern zu einer beispielhaft Mitwirkenden, der es darauf ankam, thematisch-inhaltlich das höchst Eigene zu lesen und dadurch den Zuhörern zu vermitteln. Die dann auch mitdiskutierten. Sie klinkten sich ein.

Dies war an diesem Sonntagvormittag besonders: Die geistige Lebendigkeit im Austausch von jedem mit jedem. Autorin und Autor lasen abwechselnd zehn Beiträge aus eigener Feder. Ich hatte meiner Kollegin Ute Mrozinski eine Auswahl von Prosaminiaturen aus dem Gedankenkasten zukommen lassen, auf die sie mir dann mit Eigenkreationen während der Veranstaltung mit großer Ausdruckskraft antwortete. Es war dies aber kein abwechselndes Vorlesen – vielmehr Lebendigkeit pur! Interessierte, engagierte Gäste sind das Non Plus Ultra jeder Lesung, die auch auf die Erfolgschance der Interaktion baut. Und das war ja hier der Fall! Geistig-literarischer, auch einfach argumentativer Austausch fand zwischen den beiden AutorInnen und natürlich – sogar meistens sehr spontan! – mit und unter den Gästen statt. Eine »Lesung mit Diskussion« ist eben nichts anderes als ein Schritt, mit literarischen Werken, also mit literarischen Gedanken an die Öffentlichkeit zu gehen. Der Untertitel der Veranstaltung lautete »Philosophie im Dialog«, und so kam es dann auch.

Gedanken lassen sich nicht immer einfach und schnell in literarische Texte verwandeln, auf Papier bannen. Konzentriertes Arbeiten ist erforderlich. Und gerade Kontemplation bei dem, der schreibt, ist am sinnvollsten, wenn sie von Zeit zu Zeit direkt nach außen treten kann. Die Texte können dann den Menschen face-to-face lebendig und deshalb verständlich vermittelt werden. Wird dies dauerhaft praktiziert, so gibt es zahlreiche Chancen, um literarisch und gesellschaftlich wirkmächtig zu werden.

---------------