Marius oder Wo Macht ist, ist Widerstand

Veröffentlicht von Dr. Manfred Luckas a.m. 17. April 2026 in Rezensionen

Am 15. April 2026 las der Autor und Journalist Klaus W. Bender in der Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln aus seinem Buch Marius – Résistance! Ein jüdisches Leben im Schatten des Nationalsozialismus, das im Züricher Verlag elfundzehn erschienen ist. Bender, Jahrgang 1938, war als Journalist lange für die Frankfurter Allgemeine Zeitung tätig und zog die mehr als 50 Besucher in den atmosphärischen Räumlichkeiten der Buchhandlung mit seiner Präsenz sofort in den Bann. Einer Präsenz, die dem Protagonisten seines Buches gerecht wird, denn eine Biografie über Marius Jérémiasz zu schreiben, verlangt allen Beteiligten – auch denen, die sie lesen und ihr zuhören – eine Menge ab. Unglaublich, was aus einer Zufallsbegegnung 2002 in einem Bergdörfchen des südfranzösischen Département du Var entstanden ist und hier nun bewegend und mitreißend als starke Literatur im Raum steht. Welche Hürden es zu überwinden galt zwischen dem verfolgten französischen Juden und Partisanen Marius und Klaus, dem Sohn eines deutschen Vaters, der Mitglied in der NSDAP und SA war und ein bekennender Freund der »wunderbaren Zeit in der Pariser Etappe.«

Es fällt ihm sichtlich schwer, zu erzählen. Sein Leben zu erzählen. Ausgerechnet einem Deutschen. Doch er weiß, es ist sein Wunsch, dass wir genau dies gemeinsam versuchen.

Und genau dies tun die beiden dann auch, machen die Dinge, über die nach dem Krieg nicht gesprochen werden darf, zum Thema, setzen sich auseinander, kommen sich nahe. Reden über die vielen dunklen Geschichten von Opfern und Tätern, von unbeschreiblichen Grausamkeiten, die von Bender vor Ort nicht immer bis ins Letzte ausbuchstabiert werden, als Andeutung in der Luft stehen, die Zuhörenden, sichtlich mitgenommen, durchschnaufen lassen. Und immer wieder auch die Trauer über den Verlust geliebter Menschen, der Umstand, es nicht mehr ertragen zu können, weiter darüber zu reden. Das Kapitel über La Grande Rafle ab Seite 54 setzt hier für mich ein besonderes Ausrufezeichen!

Das gab den Ausschlag für die Abfassung der Biografie. Keine Heroisierung und keine Belehrungen – das waren Marius‘ einzige Bedingungen. Beides hat diese Geschichte nicht nötig. Die nüchternen Fakten sprechen für sich.

Zum Schluss der mit viel Applaus bedachten Lesung kommt dann noch zur Sprache, dass es gilt, aus der Geschichte zu lernen, dass es sich lohnt, für ein vereintes, friedliches Europa einzustehen. Résistance ist kein Auslaufmodell, sondern eine Haltung, die denen, die aktuell wieder eine Gesellschaft wollen, die auf Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt gegenüber Andersdenkenden setzt, die Stirne bietet.

Resümee: Inhaber Jens Bartsch gelingt es immer wieder, die Goltsteinstraße 78 zu einem besonderen Ort literarischer Begegnungen zu machen. Diese gute Tradition setzt Nora Gomringer fort, die am 28. Mai mit ihrem Verleger Leif Greinus in Bayenthal ist, gefolgt von dem französischen Krimi-Noir-Autor Jérôme Leroy am 17. Juni.

Klaus W. Bender: Marius – Ein jüdisches Leben im Schatten des Nationalsozialismus. Gebunden, 180 Seiten, Verlag elfundzehn, Zürich 2025. Preis 29,80 Euro.

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