Menschmaschinen oder Dunkles Futur in RheinRuhr
Enno Stahl hat in den 1990er-Jahren die ersten Deutschen Literaturmeisterschaften unter dem Motto Dichter in den Ring veranstaltet. Dafür gebührt ihm mein bleibender Respekt. Dass sich seither viel getan hat, zeigen aber nicht zuletzt seine jüngeren Publikationen im Kontext einer politisch positionierten, zeitgemäßen littérature engagée. Wer darüber mehr erfahren möchte, greife zum Beispiel zu Die Sprache der Neuen Rechten. Populistische Rhetorik und Strategien (2019) oder Realismus und Engagement. Literatur als Gesellschaftsanalyse und soziale Utopie (2022).
Nun also, knapp 50 Jahre nach Kraftwerk, mit einem n am Ende mehr und thematisch durchaus in Reichweite zu den o. g. Sachbuchtiteln, die Menschmaschinen. Verlegt wurde der Roman von der Kölner parasitenpresse in ihrer neuen Buchreihe PARADIES, die neues Erzählen aus und über Nordrhein-Westfalen zum Schwerpunkt hat.
Wir wollen Geschichten lesen, die hier angesiedelt sind, die die Probleme und Wünsche der Menschen vor Ort erzählen. Ein Stück geht es auch darum, […] Dinge zu bewegen und Verantwortung für die Nachbarschaft zu übernehmen.
Enno Stahl passt mit seiner Sozialdystopie, die 2053 in einer entseelten Megalopolis spielt, die auf der heutigen Landkarte von Dortmund bis nach Köln-Mönchengladbach reichen würde, perfekt zu diesem Profil. Was es heißt, unsere Verantwortung für Erde, Umwelt und Menschen weiter so zu vernachlässigen wie jetzt, fasst der in Neuss geborene Autor in atmosphärisch dichten Zustandsbeschreibungen von geschundener Natur und deformierten gesellschaftlichen Entwicklungen:
Photonennebel, durchbrochen vom Heliumsonnenuntergang über Abraumhalden, hinter der dicken Kunstglasscheibe wird daraus ein Kinoevent … Streifen mörderischer Stickoxide schlingen sich um Minarette und Geschäftstürme …
Aber für das heilige Köln ist es noch viel härter gekommen: der Dom gehört jetzt Huawei, die EU ist ein Vasall Chinas, die Obdachlosigkeit hat monströse Ausmaße angenommen und im Terrorarium – mit seiner reptilesken Anmutung ein treffender Terminus – kämpfen Rechtsterroristen gegen Salafisten als Running Men des Postfutur, um depravierte Massen zu unterhalten. Wohl wahr: Die Zukunft ist schon da und sie leidet an der Gegenwart.
In dieses nicht besonders ermutigende Setting fällt, allein und ohne zu wissen, warum, der 20 Jahre alte Marcos, der an akutem Gedächtnisschwund leidet. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit und seiner Identität kreuzen sich seine Wege unter anderem mit Berlinguer, einem zwielichtigen Detektiv ohne moralischen Kompass sowie mit Tonya und der TransGen Inc. Genmanipulative Praktiken sind das Maß aller Dinge in einer Welt des Klonens und der künstlichen Gebärmutter, von hochspezialisierten Androiden und Replikanten, die das Überleben auf einem kapitalistisch entmenschten Arbeitsmarkt zur Hölle machen. Dazu ist allen Menschen mit der Interior Console [IC]) ein Chip implantiert, der den ständigen Zugang zum Allnetz gewährleistet. Den Rest erledigen 3D-Drucker, die von Alltagsgegenständen bis zur Bratwurst alles produzieren. Alles in allem das Zerrbild einer technoiden und transhumanen Fortschrittsgläubigkeit, aufgeheizt von Vorstellungen einer atavistischen Gesellschaftsordnung: »Es werden über 30 Grad sein, ziemlich viel für Mitte November …«
Stahl wirft in seinem Text mit großem Schwung die Assoziationsmaschine an, schreibt und evoziert in einem Stil, der oft messerscharf an der Kolportage vorbeischrammt. Bezüge und Vorbilder – ich denke bei der Lektüre oft an Philip K. Dick, Richard Morgan oder Tetis Anderswelt – sind aber so gekonnt gesampelt und abgemixt, dass die Lektüre Spaß macht. Und auch der Spannungsbogen bleibt bis zur letzten Zeile angemessen gestrafft.
Enno Stahl liest am 8. Juni 2026, moderiert von Adrian Kasnitz, im Literaturhaus Köln.
Resümee: Realdystopischer Sozialroman aus der nahen Zukunft, geschrieben mit Lokalkolorit, Tempo und dem scharfen Blick der Gesellschaftsanalyse, Dazu wunderbar illustriert von Roland Bergère.
Enno Stahl: Menschmaschinen. Roman mit 20 Zeichnungen von Roland Bergère. Verlag parasitenpresse, Köln 2026, 222 Seiten, Preis: 18,– €
ab sofort lieferbar.



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