Rimbaud reversed oder Jenseits der Poesie
« Il faut être absolument moderne. »
In meinem Bücherregal stehen Rimbauds Poésies neben den Fleurs du Mal von Baudelaire und Verlaines Fêtes galantes – und das ist auch gut so. Weniger schön ist die vernehmliche Staubschicht, die sich bis vor wenigen Wochen auf dem französischen Original gebildet hatte. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei, denn Kersten Knipp, seines Zeichens polyglotter Journalist, Buchautor, Moderator – und nicht zuletzt Romanist – hat nun bei Herder Die zwei Leben des Arthur Rimbaud – Vom Kultdichter zum Waffenhändler veröffentlicht.
Knipp ist in vielen Epochen und Themen zuhause, hat sich mit der Erfindung der Eleganz und Gabriele d’Annunzio beschäftigt, kommt aber immer wieder auf das Thema zurück, wie wir uns im öffentlichen Raum begegnen, um die Form ringen, kommunizieren – eben Im Gespräch bleiben, wie der gleichnamige Titel seines so erhellenden Buches aus dem Jahr 2024 lautet.
Nun also Rimbaud, aber nicht die etablierte, enggeführte Überlieferungsgeschichte des genialischen Dichters, des widerständigen Geistes, der dem literarischen Paris des Jahres 1871 und folgende den Kopf verdreht und als Experte für Unordnung und frühes Leid fungiert. Vielmehr packendes, tiefschürfendes Soziogramm und Psychogramm eines Dichters, der mit 21 Jahren als Poet verstummt, aus Europa verschwindet und eine Heldenreise der verstörenden Art in Angriff nimmt. Knipp konstatiert schon in seiner Einleitung, die von essayistischer Qualität ist, die schmerzhafte Vergeblichkeit dieses Vorhabens:
Rimbauds Reise ist eine nie abreißende Flucht vor seinem Ursprung, seiner Herkunft. Doch die Herkunft, so legt es zumindest diese Geschichte nahe, ist wie ein Schatten: Man wird sie nicht los.
Proust begab sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit, Virilio spricht in seiner Ästhetik des Verschwindens vom »Aufbruch zu einer Wüste der Ungewissheiten«, und kommt damit der Causa Rimbaud schon recht nah. Aber die rückhaltlose Selbstvertreibung aus dem Paradies der Poesie, dieser radikale Bruch mit dem Vorher, ist dann doch eine unerhörte Form der Absetzbewegung. Mit diesem militärisch konnotierten Begriff tut sich für mich eine weitere Schnittmenge zum zweiten Leben des Arthur Rimbaud auf, welches sich dann rund um das Rote Meer bis tief in das Innere von Äthiopien und Somalia hinein abspielt. Der Dichter, der die Sprache an ihre Grenzen führte, der, wie sein Seelenfreund und Liebhaber Verlaine so schön sagte, aussah »wie ein Engel im Exil«, ist nun in den Rollen des Kaufmanns, Expeditionsleiters und Händlers von Kaffee, Elfenbein und – Waffen zu sehen: erfolgreich, sehr geschickt, mit Sicherheit ein Macher, so gar nicht das, was man sich unter einem früheren Dichter vorstellt. Zugleich aber ein Abbild quälender Unrast, manischen Bewegungsdrangs und einer manifesten Dissoziation. Das Glück bleibt außer Reichweite, « La vraie vie est absente. »
Davon erzählen, nach dem Europäischen Vorspiel, die Teile drei und vier des Buches, die mit Kolonialer Hauptakt und Im Dunkeln betitelt sind. Vor allem im dritten Teil zeigt sich eine große Stärke von Kersten Knipp. Er vermag sich weit über die bloße Wiedergabe historischer Zusammenhänge zu erheben und erweckt damit den für Afrika so unmenschlichen und für Europa so unrühmlichen Scramble for Africa in einer sehr eigenen Form dichter Beschreibung zum Leben.
Was zeichnet ein gutes Buch auch? Neue Perspektiven auf einen kanonisierten Schriftsteller zu eröffnen, kenntnisreich und souverän geschichtliche Kontexte zu referieren, Komplexität erlesbar, erlebbar zu machen und sich – bei all dem Abseitigen und Sinistren, das einem Autor von seiner Hauptfigur zugemutet wird – einen vielschichtigen, empathischen Blick zu bewahren, der sich jeglicher Verurteilung enthält. Diese Mission ist rundum gelungen. Und, Knipp sei Dank, endlich selbst wieder Rimbaud lesen, tragischer Held der Moderne, Paradigma individueller Zerrissenheit, die großen Gedichte, die erste Hälfe des Lebens, Le Bateau ivre, das trunkene Schiff der Poesie.
Wo, plötzlich hell verfärbend alles Blau, in weiten / Fieberrhythmen vom goldenen Glast des Tages umhüllt, Stärker als Alkohol, mächtiger als Lyrasaiten, / Das Bitterrot der Liebe aufwärts schwillt!
Resümee: Kersten Knipp hat das Bild des Dichters und Menschen Rimbaud versiert, fesselnd und klug komponiert um wichtige Facetten bereichert. Eindeutige Leseempfehlung!
Kersten Knipp: Die zwei Leben des Arthur Rimbaud – Vom Kultdichter zum Waffenhändler. wbg Theiss im Verlag Herder GmbH, 1. Auflage 2026, gebunden, 288 Seiten, 24,00 €.



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