Gulistan oder Niemand braucht ein Gesicht beim Warten
Sie haben dir vor Sonnenaufgang deinen Mund verboten. Nachts wird das Rückgrat gebrochen. Deine Augen liegen auf dem Boden nach dem Sonnenuntergang.
Meine persönliche Reise mit Karosh Taha – geboren in Zaxo, Kurdistan, als Kind mit ihrer Familie vor der Diktatur Saddam Husseins geflohen – begann 2018 mit der Beschreibung einer Krabbenwanderung und setzte sich 2020 Im Bauch der Königin fort. Im Sommer dieses Jahres dann ihre Lesung in der Zentralbibliothek Köln im Rahmen der Lunch Lectures: ein Auftritt voller Präsenz und für mich neuer Einsichten über die sumerische Dichterin Enheduanna: Poetin, Priesterin und Prinzessin, frühe Verkörperung einer feministischen Utopie. Dazu die faszinierende Klangprobe eines Frauengesangs ohne Instrumente, Dengbêj genannt, der die orale Überlieferung des kurdischen kulturellen Gedächtnisses spürbar und erlebbar macht.
Und nun der neue Roman Gulistan, wie die beiden Vorgänger im Kölner DuMont Verlag erschienen, dem man zu seiner Autorin und der Konsequenz, das vorliegende Buch in dieser radikalen Form erscheinen zu lassen, nur gratulieren kann. Ein Buch, das sich herkömmlichen Zuschreibungen verweigert und bei der Lektüre in seiner semantischen Stressatmung manchmal körperlich schmerzt, ein empathisches Lesen, die Bereitschaft zur Durchlässigkeit einfordert. Im Interview äußert sich Karosh Taha zu ihrer Motivation, Gulistan zu schreiben, wie folgt:
Es gibt in der deutschsprachigen Literatur eine große Lücke bezüglich kurdischer Geschichten. Diese Geschichten handeln von Menschen, die Repressionen und Verfolgung erlebt haben. […] Wer sonst würde diese Geschichten weitertragen können? Wer würde all den Menschen, die ihre Geschichten nicht erzählen können, den Vermissten, den Verschleppten und Getöteten, ein literarisches Totengebet sprechen können?
Und tatsächlich hat Karosh Taha eine ganz eigene, unverwechselbare Sprache für dieses Gebet gefunden, einen poetischen Ausdruck für den Schrecken in Bildern, in denen man nicht leicht liegt, eine Form hochverdichteter säkularer Litanei, die mich manchmal an Paul Celan erinnert. Das Leid buchstabieren können, ohne sich dabei im Schreiben korrumpieren zu lassen: was für eine Leistung! Hier, wo das Grauen und die Trauer der Frauen in den Körpern wohnen – »Das Salz in ihrem Körper entzündete ihren Mund beim Versuch das eigene Gesicht zu essen.« – ist das Wort Fleisch und das Fleisch Wort geworden:
Ihre Körper in den Kleidern der Lebenden verdrehten sich synchron mit den Augen und Armen nach oben unterworfen vor dem Jüngsten Tag. Im Kreis bewegten sie sich auf das Gebet zu denn ihre Füße verdursten nackt im Staub.
Und da, wo den Leibern und den Seelen Gewalt angetan wird, kommt auch der Textkörper nicht ungeschoren davon. Der wird gefleddert, seiner Normativität enthoben und dekonstruiert wie im Cut-up, da lösen sich Interpunktion, Grammatik und Gewissheiten nicht in Wohlgefallen auf. Wortabstände leisten beim Lesen Widerstände, Auslassungen, Leerstellen und Weißräume brennen Löcher in das Schriftbild und die Ordnung der Dinge, die es schon längst nicht mehr gibt.
»Da beugte er sich zwischen die Zeilen« und im Namen Gulistan verblüht die kurdische Rose Gul auf der Suche nach ihrem Geliebten Çîya, dem kurdischen Berg.
Dieser Roman beschönigt nicht und beschreibt nicht, sein dunkler Klang schafft dem Bewusstsein Hallräume. Wenn die Autorin von Unterdrückung, Ohnmacht und Selbstentfremdung erzählt, wird ihr lyrischer Ton zu einer politischen Aussage. Hölderlin hatte recht: »Einmal werden wir aber Gesang sein.«
Das schönste Werk das eine Frau von ihrem Mann erschaffen kann ist den Tyrannen in Brand zu setzen.
Resümee: Ein beeindruckendes, glänzend geschriebenes Buch, das durch seine poetische Kraft und literarische Radikalität überzeugt. Für mich ist Karosh Taha die Kandidatin für den Deutschen Buchpreis.
Karosh Taha: Gulistan. DuMont Buchverlag Köln, 1. Auflage 2026, gebunden, 240 Seiten, 24,00 €.



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