Erste Konfusionen oder Die Null muss stehen
So wie die Menschen in den westlichen Industriegesellschaften in den Nullerjahren immer stärker nach Selbstoptimierung streben, so streben die sozialen Netzwerke danach, sich durch die Überwachung, Registrierung, Kontrolle der Menschen selbst immer weiter zu optimieren. Und je stärker die Menschen danach streben, sich zu rundum optimierten, autonomen Existenzen zu machen, desto mehr von ihrer Autonomie geben sie an Institutionen ab, die sich ihrer Verfügungsgewalt entziehen und sie stattdessen immer ungehemmter kontrollieren.
Was wären wir ohne die dialektisch pointierten Gesellschaftsdiagnosen von Jens Balzer, der bei Rowohlt seine vierte Introspektion einer Dekade veröffentlicht hat. Nach dem entfesselten (die 70er), dem pulsierenden (die 80er) und dem Jahrzehnt der Freiheit (die 90er) nun also endlich die Nullerjahre, das – so Balzer – Jahrzehnt des Umbruchs. Immer wieder sehr erhellend, was uns dieser gedanklich und analytisch so spektral verortete Autor schreibend zu vergegenwärtigen vermag, Ereignisse, die, obwohl gerade einmal 20 Jahre her, schon unter Sedimenten von Tausenden neuer Bilder, Gefühlslagen und gefakten Realitäten verschüttet sind. Ich persönlich suchte bei der Lektüre vergeblich nach konkreten Erinnerungen an die Jahrtausendwende, konnte nur noch auf eine diffuse Gemengelage zwischen Doomsday-Skepsis und halbherziger Zukunftserwartung rekurrieren.
Die Welt geht also nicht unter am 1. Januar des Jahres 2000, aber man kann auch nicht sagen, dass an diesem Tag eine neue Welt anbricht. Viele der Hoffnungen, die um den 1. Januar des Jahres 1900 herum in dieses Zukunftsdatum gesetzt worden sind, haben sich nur mäßig oder gar nicht erfüllt. Weder hat sich eine globale Gesellschaft gleichberechtigter Menschen etabliert, noch werden Nahrungs- und sonstige Lebensmittel in gerechter Weise verteilt.
Und diese bipolaren Bewegungen zeichnet Balzer auch für seinen aktuellen Untersuchungszeitraum exemplarisch auf, was sich in Kapitelüberschriften wie Spätmoderne und Gegenmoderne, Selbstoptimierung und Sterblichkeit, Erneuerung und Enttäuschung, Freiheit und Unterwerfung widerspiegelt.
Vor allem den klaren Punktsieg der Selbstentfaltung über die Selbsterhaltung, wie Jean-Pierre Wils das einmal genannt wird, bespielt Balzer in zahlreichen Varianten mit hohem Lese- und Unterhaltungswert. Zwischen Intimrasur und Glatze oben sehen bauchfreie Frauen und geölte Männerbärte Big Brother, imaginieren sich selbst in Containern der Ich-Performance, während der Bionade-Biedermeier eine neue, coole Bürgerlichkeit behauptet, die in der Figur des Hipsters – eines frühen Vertreters der kulturellen Aneignung – bis zur Karikatur überzeichnet wird.
Doch hinter den Türen des hedonistischen, entpolitisierten Freiheitsverständnisses lauern schon die Abgründe der Jetztzeit. 2001 beginnt der US-amerikanische War on Terror und die Weltwirtschaftskrise 2008 zerbröselt das Glücksversprechen des Kapitalismus. Auch die Nomenklatur der Akteure, die in den Nullerjahren ihre Karrieren starten, verdeutlicht das Problem für die offene Gesellschaft: Immobilien-Imperator Donald Trump und aus dem Silicon Valley heraus Elon Musk und der dunkle Tech-Lord »Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden«-Peter Thiel: globale Manifestationen eines neuen rechten Mainstreams, dem in Deutschland nicht zuletzt eine Figur wie Thilo Sarrazin den Boden bereitet:
In seinem Buch Deutschland schafft sich ab aus dem Jahr 2010 macht er vor allem muslimische Zuwanderer wegen ihrer, so Sarrazin, mangelnden Intelligenz und Leistungsbereitschaft für die Erschlaffung der deutschen Ökonomie und Gesellschaft verantwortlich. Damit schafft er die Grundlagen für die Verknüpfung von neoliberalen Politik- und Wirtschaftsideen, Elitenkritik und Rassismus, wie sie in den Zehnerjahren dann für den Aufstieg der rechtsextremen und rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland prägend sein wird.
Resümee: Gedanklich scharfkantige, popkulturelle Tour de Force durch eine Dekade zwischen Euphorie und der Genese vieler heutiger Problemlagen.
Jens Balzer: Confusion is next. Die Nullerjahre – das Jahrzehnt des Umbruchs. Rowohlt Berlin-Verlag, Berlin 2026. Gebunden, 271 Seiten, 26,00 €.



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