Das Alef oder Die ausgegrabenen Verse

Veröffentlicht von Dr. Manfred Luckas a.m. 4. November 2026 in Rezensionen

Es gibt immer noch Bücher, die Glücksfälle sind, die hinterfragen, bereichern, erhellen und mit einer Haltung geschrieben sind, die poetisch ist, für sich steht, sich keiner »Sprache der Kulisse« andient, wie es Walter Benjamin einmal formuliert hat.

Solch ein Buch ist Agnieszka Lessmanns Schieferbruchverse, erschienen im Berliner Gans Verlag, der jüngst mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet wurde und unter seinem Verleger Ulrich Leinz für ein exzellentes, anspruchsvolles Programm steht. Dort hat die Autorin 2025 auch schon ihren autofiktionalen Debütroman Aga veröffentlicht, der davon erzählt, wie sie mit ihren Eltern Polen 1968 wegen einer antisemitischen Kampagne verlassen musste und dann über Israel nach Deutschland kam. Die Schieferbruchverse führen diese Recherche zugleich materialgesättigt und pointiert fort, Dokumente machen Erlebtes im Konkreten erfahrbar: mit Einträgen in die Łódzer Einwohnerkartei, einem Einlieferungsbeleg des Konzentrationslagers Buchenwald oder dem Etikett der Orangenlimonade, die der Großvater gebraut hat. Lessmann lebt als freie Schriftstellerin in Köln, hat acht Hörspiele verfasst und wurde für den Prix Europa sowie den Hörspielpreis der Kriegsblinden nominiert. Zuletzt erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds.

Einem Gedichtzyklus wie diesem mit all seiner Sprachverspieltheit, Polyphonie und Gattungsvielfalt – mit der »Ballade von Hannah« wird sogar einer antiquiert geglaubten literarischen Form neues Leben eingehaucht – sollte man sich ebenso respektvoll wie peripatetisch nähern. Was ich mit dem Einstieg in die Lektüre auf Seite zwölf auch getan habe. Dort beginnt das Gedicht »In der Zone« wie folgt:

als ich die ersten Schritte in die archäologische Zone setzte / wusste ich noch nicht von meiner eigenen Geschichte / nicht genug / ein paar Anmerkungen meines Vaters / Bruchstücke, mühselig herausgesprengt / aus seinem Schweigen, das er / ansonsten unbeschädigt mitnahm / ins Grab.

In wenigen Zeilen eine ganze Welt, das Lyrische als Paradigma der Verdichtung, das Wiedererkennen eigener Familienpathologien und ein Gewitter voller Assoziationen: »In der Zone« und Zone of Interest, ein Film, der das Grauen der Shoah cineastisch neu fasst und das Schweigen der Opfer und Täter, sodass man die Spurensuche nach eigener Identität und historischem Kontext selber leisten muss. Eine parallele Expedition in das eigene Ich und die Geschichte von Judenhass und Antisemitismus, die in Köln erstmals im Pestpogrom der Bartholomäusnacht 1349 kulminierte.

Die Schieferbruchstücke, die bei der Ausgrabung des alten jüdischen Viertels in Köln ans Tageslicht kamen, hielt man am Anfang für Schutt – bis jemand die hebräischen Buchstaben darauf entdeckte. Mittlerweile wurden rund fünfhundert beschriftete Tafeln geborgen, der größte, bisher bekannte Fund dieser Art aus dem Mittelalter. Im Gedicht »Zerstörungshorizont« heißt es dazu:

mit den Fingerspitzen ziehen wir sie ans Licht / die Dinge von Menschen, die wir nie kennen werden: / eine Tonscherbe, ein verbogenes Stück / Metall, eine Zahnbürste aus Holz, / ein Anti-Atomkraft-Sticker und jede Menge / Schieferbruch – Abfall / Rachel greift hinein: / Das ist ein Alef!

Die Autorin scheut sich nicht vor der harten Arbeit im Steinbruch der Überlieferungen und Ressentiments, sie legt Bedeutungsschichten frei, klopft sprachliche Sedimente kritisch ab, spürt gesellschaftlichen und individuellen Resonanzen nach. Dabei korrespondiert das Lyrische mit dem Faktualen, das Gedankliche mit der Materialität, die Geschichte mit der Gegenwart und stellt so souverän eine Analogie zwischen früheren und aktuellen Bedrohungslagen jüdischen Lebens her. Und in allem manifestiert sich die genuine atmosphärische Qualität des Textes.

Agnieszka Lessmanns Schieferbruchverse korrespondieren mit dem Essay-Band Das verschwundene Viertel ihres Mannes Frank Olbert, seines Zeichens langjähriger Redakteur und Feuilletonchef des Kölner-Stadtanzeigers. Beide Werke bilden zusammen ein publizistisch-ästhetisches Projekt, das sich der jüdischen Historie Deutschlands auf originäre Weise nähert.

Buchpremiere Schieferbruchverse und Das verschwundene Viertel am 
Donnerstag, 12. November 2026, 19 Uhr im Interim der Zentralbibliothek Köln.

Resümee: Eine beeindruckende poetische Ausgrabung, die, klug choreographiert und vielstimmig, historische Erkenntnisse und Fragen nach Herkunft zu Tage fördert.

Agnieszka Ilana Lessmann: Schieferbruchverse – Eine doppelte Ausgrabung. Gedichte. Gans Verlag, Berlin 2026. Hardcover mit Fadenbindung, 164 Seiten, 19,00 €.

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