Moderne Seher oder Das Geheimnis der Namen
Von einem Buch zum andern wandern / hunderte von Seiten lang / durch die Pariser Vorstädte / zurück in Büchners Zeit / über Gedichte hinter dem Eisernen Vorhang / mitten durch ein Ideen-Gewimmel / aus Reiselust einen Blick auf Rom werfen
Volkmar Mühleis, in Brüssel lebender Lyriker, Schriftsteller und Musiker, singender und rezitierender Part des Improvisationsensembles Brussels Cleaning Masters, zählt zu den interessantesten Stimmen der Gegenwartsdichtung. Nun ist – nach Fête de la Musique, Das Recht des Schwächeren und Gesichtsverlusterkennung – mit Moderne Seher schon sein vierter Gedichtband im Oberhausener ATHENA-Verlag erschienen: wieder in der stimmigen Reihe edition exemplum, einem Tummelplatz für ambitionierte, zeitgemäße Lyrik.
Mühleis ist zum Glück kein Freund hermetischer Gedankengebäude oder strenger formaler Vorgaben, steht auch jeglicher Art inhaltlicher Engführung eher skeptisch gegenüber. Seine Texte sind vielmehr beziehungsreiche Angebote, beherzt ins Offene zu kommen, sich überraschen zu lassen, etwas zuzulassen wie das aus der Mode gekommene Staunen. Als Polyhistor denkt und schreibt er vielstimmig, vielfältig, entgrenzend und erfasst dabei – mal spielerisch leicht, mal scharf getaktet, pointiert – das schillernde Hin und Her, Auf und Ab und oft Daneben unserer fragmentierten Lebenswelten. Auch was die Zeitläufe anbelangt, unterwirft sich der Autor keinen Zwängen, bewegt sich in der Jetztzeit ebenso selbstverständlich wie in und mit den Mythen und Figuren der Antike. Da »geht Platon noch eine Runde um den Block« und Diogenes »sagt dreimal in drei Sprachen ›Geht mir aus der Sonne‹, erst leiser, dann lauter, am Ende vor Wut.« In diesem Zusammenhang wunderschön auch die erneuerte Anverwandlung des Daphne-Topos:
tropfnass hält sie ihn fest / mit ihm ein Baum zu werden / hier am Fluss / den Frühling zu tränken / mit ihrer Liebe / unsichtbar für alle in ihrem Schatten / spürbar nur im Innersten, ihren Wurzeln, Ästen und Blättern
Neben sehr kurzen lyrischen Texten, manchmal sogar nur aphoristisch komprimierten Zweizeilern – »Ein Netz um Wasser zu fangen / ein Ding der Unendlichkeit« – steht bruchlos ein Langgedicht wie Tiergarten, das eine interne Dramaturgie in Gang setzt, die von originell rhythmisierter Naturbetrachtung zur beklemmenden Tagesaktualität mit entsprechendem Unterton hinführt:
»ein Specht hämmert zur Pause / mitten im ersten Akt, / ein Rapper seines Fachs: / drei schnabelschnelle Schläge / BAUM BEAT BOX / unermüdlicher Rave / unter freiem Himmel […]
auf der Krim sind Freunde von ihm stationiert / die Verteidigung seiner Doktorarbeit steht kurz bevor / und dann geht es zurück in die Heimat, in ihren / neuen / unausweichlichen / Grenzen
Immer wieder und expliziter als früher finden sich hier bei Mühleis politische Bezüge zu Themen wie Migration, Flucht und Fremdenhass. Ihnen widmet er am Ende auch ein eigenes Kapitel mit drei beeindruckenden Texten, dessen Titel Die Große Wanderung nicht zuletzt auf den Essay von Hans Magnus Enzensberger verweist.
Resümee: Sprachlich, gedanklich und emotional starke Gedichte, die in einem breiten Spektrum lyrische und gesellschaftliche Wirkmächtigkeit entfalten.
Volkmar Mühleis: Moderne Seher. Gedichte. ATHENA-Verlag, Oberhausen 2026, 102 Seiten, 17,90 €.



Neueste Kommentare