Vienna calling oder Die Straßen der glücklichen Geheimnisse

Veröffentlicht von Dr. Manfred Luckas am 30. Januar 2023 in Rezensionen

Immer hatte ich ein heimliches Leben, und immer war das mein wahres Leben.

Dieses Zitat von Imre Kertész stellt Arno Geiger seinem neuen Buch voran, und ich freue mich auf jedes neue Buch von Arno Geiger. Da er pünktlich alle fünf Jahre seine literarische Ernte einfährt, war es kein wirkliches Geheimnis, dass es nach der Drachenwand 2018 nun wieder soweit ist. Und nun also Das glückliche Geheimnis, das lange mit dem Versprechen angekündigt wurde, endlich etwas über das Doppelleben eines Autors zu erfahren, der zwar aus der deutschen Gegenwartsliteratur nicht mehr wegzudenken. ist, aber wohl kaum für plakative Enthüllungen in der Öffentlichkeit steht. So kommt es dann auch nicht, obwohl schon der Beginn überrascht.

Mein glückliches Geheimnis bestand fünfundzwanzig Jahre lang darin, dass ich in Wien ausgedehnte Streifzüge machte und die an den Straßen stehenden, für Altpapier vorgesehenen Behältnisse erkundete auf der Suche nach für mich Interessantem.

Das ist es also. Keine Bekenntnisse eines Hochstaplers, auch keine Geständnisse einer Maske, sondern die eines Altpapierjunkies, mehr Mülltaucher als Hochhausspringerin. Das Porträt des Schriftstellers als junger Mann in der Metamorphose vom »Mann der Straße zum Mann der Schrift«, bodenständig, nicht ohne Abrieb, auf dem Asphalt des Mythenhorts Großstadt, ein Flaneur der Wegwerfgesellschaft, die stetig einen Abfallstrom produziert, »mächtig wie der Mekong.« Geiger schreibt über den Müll als kulturelle Ressource, als Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses. Aus dem Abfall fällt viel ab, die Bücherfunde, über die er berichtet, machen einen staunen: Sergej Jessenin, Anna Achmatova und viele mehr – eine Literaturgeschichte aus Altpapier am Ende der Gutenberg-Galaxis, »gelesen mit dem Senkblei, de profundis«, denn »Verse wachsen auf dem Müll«.

Das glückliche Geheimnis ist dann aber glücklicherweise weder ein Ökothriller noch eine Nachhaltigkeitsnarratio geworden, sondern eine autobiografische Erzählung von einem, der auszog, das Leben und damit auch Schreiben zu lernen, ein sensibler und offenherziger Werkstattbericht über die persönliche Entwicklung zum Schriftsteller mit all ihren Irrungen, Wirrungen, libidinösen Verwicklungen und inneren Kämpfen um Akzeptanz und Wertschätzung. Die ehrliche Selbstreflexion dessen, warum man was zu welchem Ende tut und wie sich das letztendlich literarisch manifestiert, macht dieses Buch so stark.

Beeindruckend auch die Schilderungen der Schriftstelleraskese, des Schreibens nachts, alleine, am Küchentisch oder auf dem Fensterbrett, darin dem Boxer nicht unähnlich in seiner Opferethik, der Einsicht in die Notwendigkeit des Verzichts, im Gegensatz zu diesem aber keineswegs zur Enthaltsamkeit gezwungen, ganz im Gegenteil und sehr oft eher herausgefordert durch ein Zuviel an Liebe.

Dem Faustkämpfer seelenverwandt ist Arno Geiger aber auch in seinem Kampfgeist, dem Ziel, sich als Schriftsteller durchzusetzen, nie aufzugeben, auch wenn es – schöne Freunde sind das – im Verlag der Wahl wieder einmal zu keiner Entscheidung kommt, ein Buch endlich zu veröffentlichen oder ein Manuskript einfach abgelehnt wird. Die zermürbende Erfahrung der existentiellen Unsicherheit ist sein ständiger Sparringspartner, aber sie beantwortet mit der Zeit auch endlich die Frage: Wer bin ich? Wie will ich schreiben?

Nämlich mit Blick auf das »echte Leben, das gewöhnlich ist und trotzdem vielschichtig.« »Ich nahm mir vor, ein Künstler des Ungekünstelten zu werden.« Was ihm auch in diesem Buch mit seiner eleganten, poetischen Alltagssprache wieder gelungen ist.

Ich war jetzt achtunddreißig Jahre alt, eine kleine Berühmtheit, hatte viel Arbeit, viele Ängste, zwei Frauen und unabhängig davon zwei Leben. Ich hatte einen dementen Vater, eine rastlose Mutter, lebte mittlerweile in einer 80-Quadratmeter-Wohnung. Und manchmal weinte ich bittere Tränen, weil mir alles zu viel war.

So pointiert Arno Geiger seinen Durchbruch 2005, als ihm für Es geht uns gut der Deutsche Buchpreis verliehen wird. Endlich der Erfolg, die Bestätigung, der Austrian Dream vom Lumpensammler zum Bestsellerautor und gleichzeitig die Schattenseiten, die Vereinnahmung durch den Literaturbetrieb, durch fremde Menschen aller Couleur und das Ende des Privaten. Dazu, nicht zum ersten Mal, die Einsicht in die Fragilität von Beziehungen, denn »die Liebe ist ein Hemd aus Feuer«, wie Nazim Hikmet sagt. Und dann natürlich die furchtbaren familiären Tiefschläge im heimischen Wolfurt, die Geiger in Der alte König in seinem Exil so überzeugend wie berührend literarisch verarbeitet hat. Vielleicht entstand ja schon damals, mitten im tiefsten Unglück, die Idee zu einem Buch mit dem Titel Das glückliche Geheimnis.

Was ich an meinen Runden und dem, was ich nach Hause brachte, immer mochte, war das Raue, das Ungehobelte, das Reale. Das körperlich Reale und das gegenständlich Reale. Ich mag Dinge. Ich mag Menschen. Ich mag Niedergeschriebenes. Ich bin jetzt am Grund. Es ist alles geborgen. Rasch weiter!

Arno Geiger: Das glückliche Geheimnis. Carl Hanser Verlag, München 2023. Gebunden, 240 Seiten, 25,00 €.

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