Als Verleger geeignet oder Einmal von Wien in die Welt und zurück

Veröffentlicht Juni 11 2024

»Zsolnay ist ein mitteleuropäischer Verlag mit Sitz in Wien.« Zu diesem harmlos klingenden Aussagesatz lässt sich Herbert Ohrlinger, aktueller Verlagsleiter von Paul Zsolnay, in einem Interview, das im vorliegenden Buch zu finden ist, dann doch hinreißen – um nur wenige Sätze später einen gesellschaftlichen und kulturellen Resonanzraum zu betreten, der das ewige junge Traditionshaus selbstbewusst verortet: Wir sind in der Lage zu zeigen, glaube ich, dieses Wienerische mit dem Europäischen, mit dem Welthaltigen zu kombinieren und für ein breites Publikum im gesamten deutschsprachigen Raum interessant zu machen. Nachzulesen ist dies alles in dem überaus gelungenen, zum 100. Jubiläum erschienenen Werk […]

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Gefühlte Kälte oder Stete Schrecken des Eises und der Finsternis

Veröffentlicht Mai 24 2024

Als Szczepan Twardoch vor zwölf Jahren mit Morphin in den literarischen Ring stieg, war das ein Ereignis, war da ein vielschichtiges Buch voller Drama und erzählerischer Dynamik. Hier hatte sich eine neue, vitale und erfrischend furchtlose Stimme schreibend Gehör verschafft. Von Olaf Kühl für Rowohlt zupackend ins Deutsche übersetzt, fand sich dann hierzulande schnell eine begeisterte Leser:innenschaft. Nun erscheinen aus der Feder des polnischen Schlesiers – gut getaktet wie ein Metronom – alle zwei Jahr wuchtige Titel: Drach, Der Boxer (sehr stark!), Das Schwarze Königreich, Demut und aktuell Kälte. Seit einiger Zeit verursacht die dräuende, dauerdüstere und ausufernd gewalttätige Diktion […]

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Straße um Straße oder Ich, der Dichter, verschlinge die Welt mit meinen Händen

Veröffentlicht Mai 1 2024

Denk ich an Chile in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Das gilt nicht nur für Salvador Allende und die Schrecken der Diktatur, sondern auch für die von der parasitenpresse veröffentlichten Gedichte Pablo Jofrés, deren irrlichternde Intensität niemanden unberührt lassen kann. Dazu schreibt sein Landsmann Julio Espinosa Guerra: Jofré versteht den poetischen Akt als eine Reise […] Gonzalo Millán, Enrique Lihn, Olga Orozco, Diego Maquieira, Pablo de Rokha, Konstantinos Kavafis besetzen Räume, die von Pablo Jofrés eigener poppiger, queerer, chamäleonhafter Stimme verwandelt werden. Sie hinterlässt uns in ihrer Übertragung eine multiple, aber auch tragische und farbenfrohe Literatur. […]

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Das hier ist Afrika oder Das kurze glückliche Leben des Hunter White

Veröffentlicht Februar 29 2024

Glück ist eine heikle Kategorie, aber die Tatsache, dass die flämische Autorin Gaea Schoeters ihren preisgekrönten Roman Trophäe, von Lisa Mensing exzellent aus dem Niederländischen übersetzt, im Wiener Traditionshaus Paul Zsolnay veröffentlicht hat, ist ein Glücksfall. Hier wächst zusammen, was zusammengehört: ein ambitionierter Verlag und eine Autorin, deren literarische und gesellschaftliche Ambitionen die Leser:innen aus jeder Zeile ihres beeindruckenden Buches anspringen, um einmal im Bild zu bleiben. Denn was dem »Romanhelden« Hunter White am meisten behagt, ist nun mal die wilde Jagd – bevorzugt auf wilde Tiere, später erweitert sich das Spektrum – und zwar in Afrika. Einem Afrika, das […]

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Ich werde nie ein Fisch sein

Veröffentlicht Januar 28 2024

Die Dichterin und Übersetzerin Ana Pepelnik hat 2007 ihren ersten Gedichtband veröffentlicht und zählt seither zu den wichtigsten Stimmen der slowenischen Gegenwartsliteratur. Dass Slowenien Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2023 war, hat sie endlich auch einer Leser:innenschaft hierzulande näher gebracht. Möglich gemacht hat das, wieder einmal, vor allem die Kölner parasitenpresse und ihr Verleger Adrian Kasnitz. Dank ihnen liegt nun eine schlanke, aber inhaltlich stimmige und aussagekräftige Auswahl der Gedichte Pepelniks in deutscher Sprache vor. Besonders spannend und ambitioniert ist dabei der duale Übersetzungsmodus. Sind Amalija Macek und Matthias Göritz in ihrer Arbeit näher am Original, schlagen das Tandem Adrian Kasnitz […]

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Nach dem Dorf ist vor dem Dorf

Veröffentlicht Januar 17 2024

Der poetenladen in Leipzig erfreut sich bei seinem poesiebegeisterten Publikum und auch im Literaturbetrieb seit jeher hoher Wertschätzung. Davon legen die zahlreichen Auszeichnungen mit dem Deutschen Verlagspreis Zeugnis ab. Immer wieder erfreut vor allem das ambitionierte, qualitativ hochwertige Programm, das Verleger Andreas Heidtmann Jahr um Jahr auf die Beine stellt – aktuell von Andreas Altmann und jungen Stimmen wie Pia Birkel bis hin zu Tom Schulz und eben Hans Thill, dem sensiblen Haudegen, dessen Poesie stets etwas wagt und von dem Michael Braun sagt: »Da ist also ein Dichter mit überaus überraschenden Bildfindungen und Verwandlungsstrategien, der immer wieder sich und […]

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Vorgestellt: Der Exil Verlag

Veröffentlicht November 4 2023

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse hatte ich das große Vergnügen, die engagierte Frankfurter Verlegerin Edita Koch kennenzulernen und mit ihr am Stand vor Ort ein längeres Gespräch zu führen. In ihrem EXIL VERLAG verlegt die promovierte Germanistin, die eine Dissertation über Korrespondenz im Exil am Beispiel Ernst Weiß geschrieben hat, immer wieder bemerkenswerte Bücher zum Thema. Der Akzent des Verlags liegt jedoch klar auf der Herausgabe der international renommierten Fachzeitschrift EXIL, die 1981 gegründet wurde und zweimal im Jahr erscheint. Sie richtet sich, mit Beiträgen, Dokumenten und Analysen zu den kontextuellen Auswirkungen von Nationalsozialismus und Faschismus, an eine wissenschaftlich interessierte […]

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Auslaufmodell Anthropozän oder Kanarien und Kipppunkte

Veröffentlicht September 29 2023

Der Berliner Verbrecher Verlag begeistert schon seit langem durch sein vielseitiges und ambitioniertes Programm am Puls aktueller Fragen zu Politik, Gesellschaft und Popkultur. In diesen Kontext fügt sich die Buchreihe WORTMELDUNGEN auf das Beste ein, gelingt es ihr doch, zahlreiche komplexe Diskurse der Gegenwart essayistisch zusammenzuführen und verständlich zu machen, ohne zwanghaft zu simplifizieren. Dafür stehen in den letzten Jahren prominente Autorinnen wie Kathrin Röggla mit Bauernkriegspanorama, Marion Poschmann mit Laubwerk oder Volha Hapeyeva mit Die Verteidigung der Poesie in Zeiten dauernden Exils. Daran schließt nun Judith Schalansky an, die in diesem Jahr für ihren exzellenten Essay »Schwankende Kanarien« mit […]

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Umarmung sommerlich oder Im Boot mit Byron auf der Museumsinsel

Veröffentlicht September 21 2023

Für mich ist die parasitenpresse einer der interessantesten und innovativsten Verlage in Deutschland und jederzeit für eine überraschende Publikation jenseits des Mainstreams zu haben. Seit 2000 gibt der kleine, unabhängige Kölner Verlag deutschsprachige und internationale Prosa und Lyrik heraus und erhielt für seine literarischen Ambitionen 2021 den Deutschen Verlagspreis. In den letzten Jahren sind, unter mehr als 150 Einzeltiteln, zahlreiche deutschsprachige Debüts erschienen, von denen ihrerseits viele ausgezeichnet wurden. Zu nennen wären hier Werke von Autor:innen wie Kinga Tóth, Matthias Nawrat, Alexander Estis – gerade geehrt mit dem Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik – und nicht zuletzt Adrian Kasnitz, dem engagierten […]

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Spiel ohne Grenzen oder I’ve been looking for freedom

Veröffentlicht Juli 13 2023

Die Neunziger Jahre enden am 11. September 2001. An ihrem Beginn fällt die Berliner Mauer, an ihrem Ende fallen zwei Türme in New York City. Am Anfang des Jahrzehnts glauben manche, dass die Geschichte nunmehr an ihr Ende gekommen ist. Am Ende des Jahrzehnts scheint die Geschichte einen neuen Anfang zu nehmen; vielleicht findet aber auch nur der Glaube sein Ende, dass es ein Ende der Geschichte geben könnte. In gewohnt eleganter Manier formuliert Jens Balzer sein Resümee der 90er-Jahre, in denen sich der Freiheitsbegriff Schritt für Schritt von der anfänglichen Entfesselung hin zum Beginn all der identitären Zwänge und […]

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